Goldhagen Debatte ’06

»Sie glorifizieren den Tod im Namen des Islam«

Daniel J. Goldhagen

Der US-amerikanische Politologe Daniel Jonah Goldhagen, der Geschichte an der Harvard University in Cambridge lehrt, löste vor zehn Jahren mit seinem Buch »Hitlers willige Vollstrecker« hitzige Debatten in Deutschland aus. Auch seine neuen Thesen zum politischen Islam sorgen für Aufregung. Über die Gemeinsamkeiten von Nationalismus und politischem Islam und darüber, warum die Europäer beim Kampf gegen diese Gefahr wenig Initiative zeigen, sprach mit ihm Kerstin Eschrich.

Sie vergleichen den politischen Islam mit dem Nationalsozialismus. Worin bestehen die Ähnlichkeiten?

Zum einen bedienen sich die politischen Islamisten der Sprache von Massenmördern. Sowohl ihre politischen als auch religiösen Führer heißen ausdrücklich den Genozid gut: Sie drohen Israel mit Vernichtung, sie sprechen davon, Millionen von Menschen, Millionen von Amerikanern zu töten. Das ist eine Gemeinsamkeit mit den Nationalsozialisten. Allerdings sprechen die politischen Islamisten offener und deutlicher aus, dass es ihr Wunsch ist, Menschen abzuschlachten. An diesem Punkt sind sie mehr Nazis als die Nazis. Zweitens werden die Vertreter des politischen Islam von einem Todeskult angetrieben, sie glorifizieren den Tod, das Töten und das Sterben im Namen des Islam. Dieser Kult hat keine Entsprechung in anderen bedeutenden politischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts, nur im Nationalsozialismus und im kaiserlichen Japan.

Augenfällig ist auch, wie sehr der Antisemitismus der politischen Islamisten dem der Nationalsozialisten gleicht. In der Hamas-Charta etwa stehen Dinge, die direkt aus Nazi-Lehrbüchern stammen könnten. Ich war immer sehr vorsichtig dabei, den Begriff »Nationalsozialismus« für andere politische Bewegungen zu verwenden, aber ich bin davon überzeugt, dies ist der richtige Begriff für den politischen Islam.

Was verstehen Sie unter politischem Islam?

Es ist sehr wichtig, eine strikte Unterscheidung zwischen dem politischen Islam, der eine politische Bewegung ist, und andererseits dem Islam als Religion und Menschen, die Muslime sind, zu treffen. Es gibt viele Muslime, die die demokratischen Werte anerkennen. Sie betrachten ihren eigenen Glauben als private Angelegenheit. Die Vertreter des politischen Islam schicken sich dagegen an, ihr fundamentalistisches Verständnis des Islam anderen Menschen und Ländern aufzuzwingen. Sie beseitigen die Unterschiede zwischen Politik und Religion. Daher sprechen wir von einer politischen Bewegung, die ihrem Wesen nach totalitär ist und extrem radikal. Es handelt sich um eine politische Angelegenheit und nicht um ein soziales Problem.

Islamkritiker betonen, grausame Praktiken seien bereits im Koran angelegt.

Religionen können von den Menschen auf unterschiedliche Weise interpretiert werden. Wenn politische Islamisten den Islam so verstehen, dass er Massenmord vorschreibt, dann ist das ihr Verständnis. Wir sollten daher nicht davon ausgehen, dass dies dem Islam wirklich entspricht. Aber es ist zweifellos so, dass es im Islam und im Koran selbst Vorschriften gibt, die Beschreibungen liefern, wie Ungläubige gewalttätig behandelt werden sollten. Aber das ist nicht die Diskussion, an der ich interessiert bin. Denn ich glaube, wir machen einen großen Fehler, wenn wir uns auf den Islam konzentrieren und dadurch alle Muslime in ein Problem mit einbeziehen, an dem viele von ihnen keinen Anteil haben.

Alle Religionen sind fähig, sich selbst zu erneuern – auch das Christentum hat sich in den vergangenen Jahrhunderten enorm verändert. Und wir sollten solche Erneuerungen anregen, aber das ist eine andere Sache als die große Gefahr, die vom politischen Islam ausgeht.

Inwiefern wird diese Gefahr in Europa und den USA unterschiedlich wahrgenommen?

Es ist zunächst einmal wichtig zu betonen, dass die Vorstellung, es gebe einen »Clash of Civilisations«, falsch ist. Der Unterschied zwischen Europa und den USA besteht darin, dass viel mehr Amerikaner begreifen, dass es die politischen Islamisten sind, die sie in einen »Clash of Civilisations« hineinziehen wollen, dass sie es sind, die etwas derartiges heraufbeschwören. Sie wollen den Westen zurückdrängen und Israel zerstören, das sie als einen Außenposten des Westens, der europäischen und westlichen Zivilisation begreifen. Es gibt viel weniger Menschen in Europa, die erkennen, dass die politischen Islamisten nicht prinzipiell Israel zu ihrem Feind auserkoren haben, sondern den Westen, inklusive Europa.

Woran liegt es, dass in Europa diese Gefahr sehr viel distanzierter betrachtet wird?

Ich glaube, dass der politische Islam sehr geschickt darin ist, die Europäer davon zu überzeugen, dass sich seine Abneigung vor allem gegen die Existenz Israels richte, dass dies die Ursache der Wut sei. Es gibt viel mehr Menschen in Europa als in den USA, die dies als Erklärung akzeptieren. Das liegt daran, dass es in Europa mehr Feindschaft gegenüber Israel gibt und auch mehr Antisemitismus. Es ist außerdem zweifellos so, dass viele Europäer und die europäischen Regierungen Trittbrettfahrer der US-amerikanischen Sicherheitspolitik sind. Manchmal helfen sie den USA, Probleme zu beseitigen, aber oft verlassen sie sich darauf, dass die Amerikaner die Sache richten werden. Es gefällt ihnen häufig nicht, was die Amerikaner machen, aber im allgemeinen verlassen sie sich darauf und profitieren davon.

Wenn man davon ausgeht, dass der politische Islam mit dem Nationalsozialismus auf einer Stufe steht, welche Konsequenzen beinhaltet dies?

Ein Regime wie im Iran ist zu gefährlich, um Atomwaffen zu besitzen. Jetzt regiert dort Mahmoud Ahmadinejad, vor ihm war der angeblich moderate Hashemi Rafsanjani Präsident. Dieser hat gedroht, eine Atombombe auf Israel zu werfen. Er sagte, dies sei eine rationale Überlegung, denn mit einer einzigen Bombe werde Israel völlig zerstört, die arabische Welt aber höchstens verletzt. Ich denke, wenn der Iran Nuklearwaffen hätte, würde das Regime sie wahrscheinlich auch benutzen. Daher muss alles getan werden, um dies zu verhindern.

Außerdem müssen die Europäer begreifen, dass sich die Drohungen der politischen Islamisten auch gegen sie richten. Die Affären um die Mohammed-Karikaturen und die Rede von Papst Benedikt XVI. hatten rein gar nichts mit Israel oder den USA zu tun. Es waren die Dänen und der Papst, die überall bedroht wurden.

Die Europäer müssen einerseits die muslimischen Europäer integrieren und als Teil der deutschen und europäischen Gesellschaft akzeptieren. Andererseits müssen sie aber politische Islamisten in jeder Beziehung und zu jeder Zeit in Europa und in der Welt strikt zurückweisen.

Wie sollte das aber in Europa aussehen?

Man darf doch auch ansonsten nicht einfach jemanden bedrohen oder attackieren. Gegen die politischen Islamisten müssen die bestehenden Gesetze mit zero tolerance angewendet werden. Muslime und Nicht-Muslime müssen den politischen Islamisten klarmachen, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht bereit ist, ihr Vorgehen zu tolerieren.

Zugleich müssen wir klarstellen, dass es sich nicht um einen Kampf mit dem Islam handelt oder mit Muslimen, sondern dass es nur um die politischen Islamisten geht, die die Werte der demokratischen Gesellschaft zerstören wollen und den Untergang des Westens anstreben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die europäischen Staaten auf diese Weise mit dem Problem spielend fertig werden könnten. Das ist nicht so schwer.

jungle-world Nummer 48 vom 29. November 2006

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HISTORIKER GOLDHAGEN

„Der politische Islam knüpft an die Nazis an“

Europa muss lernen, dem fundamentalistischen Islam die Stirn zu bieten – das fordert der US-Politologe Daniel J. Goldhagen im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er wirft den politischen Islamisten vor, argumentativ in der Tradition der Nazis zu stehen. Appeasement helfe nicht weiter.
SPIEGEL ONLINE: Herr Goldhagen, auf Ihrer Vortragsreise durch Deutschland warnen Sie vor dem „politischen Islam“. Was wollen Sie mit dem Begriff sagen?

 

 

 

 

 

DPA

 

Politologe Goldhagen: „Mir geht es um eine Antwort auf die radikale Politik und auf die Bedrohung“

Goldhagen: Der politische Islam ist eine Bewegung, die die Trennung zwischen Religion und Politik aufhebt – eine totalitäre Bewegung, die Politik und Gesellschaft nach den Vorstellungen des fundamentalistischen Islam formen will. Sie ist anti-demokratisch, anti-pluralistisch, anti-liberal. Wo immer diese Bewegung an der Macht ist, werden Menschen verfolgt und ermordet.SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie Islam und politischen Islam nicht klar voneinander abgrenzen…

Goldhagen: …eine Unterstellung, die einfach falsch ist. Ich habe wiederholt gesagt, dass der Islam vielfach interpretiert werden kann. Mir geht es aber gar nicht um eine Erklärung, was Islam ist, was Moslems glauben. Mir geht es um eine Antwort auf die radikale Politik und auf die Bedrohung, die manche mit dem Islam begründen. Um zu differenzieren, vermeide ich explizit Begriffe wie „radikaler Islam“ oder „Islamofaschismus“. Wir dürfen auch nicht nur vom „Islam“ reden, denn viele Muslime haben ein modernes, pluralistisches Verständnis von der Religion und ihrem Verhältnis zu Gesellschaft und Politik. Wir sollten deshalb tatsächlich von einer politischen Bewegung sprechen – die sich politisch versteht, politisch handelt, sich politische Ziele setzt. Eben darauf müssen wir politisch antworten.

SPIEGEL ONLINE: Sie meiden den Begriff „Islamofaschismus“ – sprechen aber von Gemeinsamkeiten zwischen Nazismus und politischem Islam.

Goldhagen: Ja. Auch wenn beides nicht deckungsgleich ist: Die zentralen Argumente des politischen Islams knüpfen mehr an die Nazis an als an jede andere politische Bewegung unserer Zeit. Beide predigen einen Genozid. Beide drohen damit, ganze Gruppen von Menschen abzuschlachten. Politische Islamisten erlassen Fatwas zur Ermordung von Millionen Amerikanern und rechtfertigen dies mit dem Koran. Sie haben einen Todeskult, für den es mit Ausnahme der Nazis und möglicherweise Japans zur Kaiserzeit keine Parallele gibt. Nazis und Islamisten glorifizieren den Tod – denken Sie zum Beispiel an die Selbstmordattentäter im politischen Islam. Und es gibt Gemeinsamkeiten im Antisemitismus. Was die politische Islamisten über Juden sagen, ist exakt in Nazi-Lehrbüchern nachzulesen. Schauen Sie sich die Charta der Hamas an: Juden sollen verantwortlich sein für die Französische Revolution, die russische Oktoberrevolution, den Ersten Weltkrieg, den Zweiten Weltkrieg – und praktisch alle anderen Kriege.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen wir uns verhalten?

Goldhagen: Bisher praktiziert Europa Appeasement – inner- und außerhalb seiner Grenzen, zum Beispiel gegenüber Iran. Die Europäer müssen klarmachen, dass sie anti-demokratische Politik und Gewalt nicht länger tolerieren. Wenn wir Drohungen nachgeben, bauen wir die politischen Islamisten nur weiter auf. Es war zutiefst beunruhigend, dass so viele europäische Kommentatoren im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen gesagt haben, das Problem seien nicht hauptsächlich die Proteste – sondern die Karikaturen selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäer verhielten sich passiv, hatten Angst, die Islamisten noch zusätzlich zu provozieren.

 

 

 

ZUR PERSON

Daniel Jonah Goldhagen, geboren 1959 in Boston, lehrt Geschichte an der Harvard University in Cambridge. 1996 löste er mit seiner Publikation „Hitlers willige Vollstrecker“ eine internationale Debatte über die Ursachen des Holocaust aus. In dem Buch stellt er die These auf, dass die Vernichtung der europäischen Juden nur durch eine antisemitische Grundhaltung des „normalen“ Deutschen und Wehrmachtssoldaten möglich war, die sich in vergleichbarer Art in keinem anderen europäischen Land findet. 2002 veröffentlichte Goldhagen den ebenfalls kontrovers diskutierten Band „Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne“.

Goldhagen: Gewalt und gewalttätiger Protest sind nicht akzeptabel. Politik und Medien hätten das Recht der Karikaturisten auf freie Meinungsäußerung verteidigen müssen. Sie hätten alles dafür tun müssen, dass niemand in Gefahr gerät. Wir müssen mit den härtesten legalen Maßnahmen gegen jede Drohung, jeden Angriff auf die Freiheit vorgehen. Wenn Europa null Toleranz dafür zeigt, wird es der politische Islam dort sehr schwer haben. Die friedlichen Muslime müssen mit mehr Schlagkraft ausgestattet werden, und sie müssen sagen: Wir teilen diese Orientierung nicht. Wir wollen nicht, dass der politische Islam unsere Gemeinschaft so repräsentiert.SPIEGEL ONLINE: In einem Essay schrieben Sie jüngst recht optimistisch von einem Prozess des Wachrüttelns in Europa. Tatsächlich aber nahm die Deutsche Oper in Berlin aus Angst das Stück „Idomeneo“ vom Spielplan. Weichen die Europäer nicht in Wahrheit immer noch zurück?

Goldhagen: Bisher glaubten viele Europäer, alle Probleme mit dem politischen Islamismus würden in der Nahost-Krise wurzeln, in Israel. Aber der Karikaturenstreit, die Operndebatte und die Todesdrohungen gegen den Papst nach seiner Regensburger Rede haben nichts zu tun mit Israel oder den USA. Das gibt Europa jetzt einen klareren Blick auf das Wesen des Konflikts: Es geht nicht um Israel allein – der politische Islam lehnt den Westen grundsätzlich ab. Er sieht unser Lebensmodell als Bedrohung, und er ist davon überzeugt, dass die westliche Kultur auf ihren Untergang zusteuert. Der Karikaturenstreit und die Angriffe auf den Papst sollten Weckrufe für Europa gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: In der kommenden Woche besucht der Papst die Türkei. Auch dort wurde er wegen seiner Rede in Bayern harsch angegriffen…

Goldhagen: …es wird eine sehr schwierige Reise für ihn. Jeder dort erwartet, dass er sich entschuldigt. Aus politischen Gründen braucht es das auch. Das Oberhaupt der katholischen Kirche sollte nicht eine andere Religion beleidigen. Aber zugleich muss er sehr entschlossen sagen, dass es nicht zu tolerieren ist, wenn das Leben eines Menschen wegen Meinungsäußerungen bedroht wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen ist sich sicher, dass Iran nach Atombomben strebt – tut sich aber schwer im Umgang mit dem Regime. Was wäre die angemessene Antwort?

Goldhagen: Wenn Menschen Massenmord praktizieren wie die Selbstmordattentäter; wenn Menschen einen Völkermord androhen wie der Iran gegenüber Israel; wenn Menschen Genozid begehen wie das politisch-islamistische Regime im Sudan – dann dürfen Europa, die USA und der Rest der Welt das nicht tolerieren. Der Westen tut viel, um Iran sein sogenanntes friedliches Nuklearprogramm zu ermöglichen. Aber niemand kann doch ernsthaft an ein friedliches Energieprogramm glauben – in einem Land, das über solche Ölreserven verfügt wie Iran. Präsident Ahmadinedschad geht es um die Atombombe. Sie ist der große militärische und strategische Gleichmacher. Wir müssen diese Drohungen ernst nehmen. Wenn Menschen die Sprache von Massenmördern sprechen, meinen sie es auch so. Und wenn solche Leute eine Atombombe bekommen, ist es wahrscheinlich, dass sie sie auch einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wahl haben wir jetzt?

Goldhagen: Entweder man erlaubt Iran den Besitz von Atomwaffen – oder man zerstört seine Atomforschungsanlagen. Sollte Iran kurz vor der Bombe stehen, wäre es unverantwortlich, sein Atomprogramm nicht zu zerstören. Erinnern Sie sich an 1981. Die Zerstörung des irakischen Atomreaktors durch die Israelis war die nach dem Zweiten Weltkrieg wichtigste militärische Operation für die Menschheit. Denn sonst wäre es unmöglich gewesen, Saddam 1991 aus Kuwait zu vertreiben, und dann hätte dieser Massenmörder den Ölzufluss zur ganzen Welt kontrolliert.

Das Interview führte Sebastian Fischer


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SPIEGEL ONLINE – 23. November 2006, 15:20


 

Berichte von der Diskussionsveranstaltung vom 19.11.2006 in Berlin

Islamismusdebatte
Goldhagen setzt Islamisten mit Nazis gleich

Die Welt – am 21.11.2006
von Veit Medick, via europenews

………………………………………………

Daniel Goldhagen hält den politischen Islam für die gefährlichste politische Bewegung seit den Nazis.

In Berlin erklärte der Historiker, warum die «interkontinentale Intifada» nicht unterschätzt werden dürfe.

Von Ulrich Gutmair via netzzeitung vom 22.11.2006


Wenn Imame fordern, dass dänische Cartoonisten geköpft werden sollen, dann hat das nichts mehr mit normaler Politik zu tun, sagt Daniel Jonah Goldhagen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat den Historiker aus Boston eingeladen, um über Europa und den politischen Islam zu sprechen, und doch sind manche Zuhörer dem eigenen Bekunden nach gekommen, um zu sehen, wie sich dieser Goldhagen wohl präsentiert, der Deutschland einst mit seiner These von Hitlers willigen Helfern in Aufruhr versetzt hatte.

Nachher ist allerdings so mancher konsterniert, weil Goldhagen in erster Linie ein Plädoyer dafür abgegeben hat, nicht zu zögern, die iranischen Nuklearfabriken zu bombardieren, wenn es nötig werden sollte. Denn der politische Islam ist die bedrohlichste politische Bewegung seit den Nazis, glaubt Goldhagen. Diese These will begründet werden, und so lässt Goldhagen auf sein Berliner Publikum eine Kaskade von Zitaten regnen, die es in sich haben.

Mehr in der Netzeitung

 

  • Bush würde Angriff Israels auf Iran billigen
  • Zweifel an Atombeweisen gegen Iran
  • Ahmadinedschad will eine islamische Großmacht
  • Tausend Gründe, den Propheten zu beleidigen
  • Der pluralistische Kern des Isla
  •  

     

    Das kosmische Böse
    Goldhagen hat keine Mühe, Beispiele für eine Rhetorik zu finden, die sich die Vernichtung von Ungläubigen, Juden, Imperialisten und Zionisten herbeiwünscht und dabei auch vor drastischen Bildern nicht zurückschreckt. In der Videobotschaft eines Selbstmordattentäters der Hamas etwa sann der junge Mann vor dem Anschlag darüber nach, das Blut von Juden nicht nur zu vergießen, sondern sich in einem ultimativen Akt des Siegs ebendieses Blut einzuverleiben. Goldhaben spricht hier von «archaic bloodlust», und man mag nicht widersprechen.

    Daniel Goldhagen
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    Foto: dpa

    Doch weitaus beängstigender sind die Statements, die politische Führer im Iran und anderswo gegen Israel und überhaupt den Westen ausstoßen. Die Charta der Hamas etwa empfiehlt Goldhagen jedem zur Lektüre, um sich über den «nazihaften» Charakter der Partei-Ideologie zu informieren. In dem Papier werden alle erdenklichen antisemitischen Stereotype aufgelistet, die Juden erscheinen schlechterdings als «cosmic evil», wie Goldhagen knapp zusammenfasst. Laut Hamas steckten die Juden nicht nur hinter der Französischen und der Oktoberrevolution, sondern auch hinter der Gründung der Vereinten Nationen und der Entfachung des Ersten Weltkriegs.Überhaupt, schreiben die Ideologen der Hamas, habe es keinen Krieg auf dem Planeten gegeben, der nicht die Handschrift der Juden trüge. Die bloße Existenz Israels fordere den Islam und jeden Muslim heraus. Dass radikale Islamisten in Palästina einen Gottesstaat errichten wollen, ist zwar kein Geheimnis. Doch diese Programmatik habe, wie überhaupt die Ideologie des politischen Islam, einen genozidalen Charakter, Selbstmordattentate bezeichnet Goldhagen als «proto-genozidale Gewalt.»

    Die interkontinentale Intifada

    Entscheidend ist für Goldhagen dabei aber, dass Israel nicht der eigentliche Gegner des politischen Islamismus ist, sondern von dessen Theoretikern in erster Linie als imperialistischer Vorposten des Westens betrachtet wird. Auch dafür lässt sich schnell ein Nachweis finden, nämlich in der Rede des als moderat geltenden ehemaligen iranischen Staatspräsidenten Haschemi Rafsandschani zum Al-Quds-Tag im Jahr 2001. Dort begreift er Israel als Gebilde, das an der Nabelschnur des westlichen Kolonialismus hänge. Der Westen wiederum firmiert in der politischen Rhetorik der Islamisten daher schlicht als «die Arroganz».

    Rafsandschani doziert
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    Foto: dpa

    Der Karikaturenstreit und der Aufruhr wegen der polemischen Rede Papst Benedikts bestätigen laut Goldhagen die These, dass es der politische Islam selbst ist, der von einem blutigen Kampf der Kulturen halluziniert, den es zu gewinnen gilt. Radikale Imame auf der ganzen Welt forderten nicht nur den Tod der dänischen Karikaturisten. In Somalia wurde dazu aufgerufen, den Papst zu jagen, in Ostasien wurde der Tod des Papsts wegen dessen «blasphemischer Äußerungen» gefordert. In London trugen Demonstranten Schilder mit der Aufschrift: «Der Islam wird Rom erobern.»Das alles trage zur gezielten Einschüchterung des Westens bei, laut einer – allerdings minder wichtigen Stimme aus dem Libanon – habe der Krieg gegen den Westen längst begonnen. Daher seien wir jetzt alle Dänen, Juden, Benedikts, und somit erklärtes Ziel einer «interkontinentalen Intifada», glaubt Goldhagen.

    Über die Bombe nachdenken

    Die Drohungen und Parolen der Islamisten, wie sie ständig geäußert werden, dürften nicht als bloße megalomanische Fantasien missverstanden werden, sondern müssten ernst genommen werden. Denn Genozide fänden statt, wenn sich genozidale Absichten mit der Gelegenheit träfen, sie durchführen zu können. Das sei 1904 beim Völkermord an den Herero genauso gewesen wie 1939, als Hitler die «Ausrottung» des jüdischen Volks in Europa proklamierte. Das aber sei ein weiteres Merkmal von Genoziden: Sie würden in der Regel vorher angekündigt.An Ankündigungen aber mangele es leider nicht. Rafsandschani etwa dachte laut darüber nach, was passieren würde, wenn die islamische Welt einst über dieselben Waffen verfügen würde, die Israel jetzt besitze. Dann «wird die imperialistische Strategie zum Stillstand kommen, weil die Anwendung auch nur einer Atombombe Israel völlig zerstören würde. Der islamischen Welt jedoch würde sie nur begrenzte Schäden zufügen. Es ist nicht irrational, über eine solche Möglichkeit nachzudenken.» Wenn Iran über Atomwaffen verfüge, sagte Rafsandschani außerdem, würden diese im Hinblick auf Israel «nicht nur zur Abschreckung dienen».

    Ahmadinedschads Ultimatum

    Überhaupt müsse der Westen aufpassen, dass es nicht zu einer Konfrontation zwischen den «hingebungsvollen, nach dem Märtyrertod strebenden Kräften» und den «Zentren der arroganten Macht» in Form des Dritten Weltkriegs komme, raunte Rafsandschani.

    Militante Hamas-Parteigänger in Gaza
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    Foto: AP

    Sein Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad nahm vor kurzem ebenfalls einen Al-Quds-Tag zum Anlass, um Europa zu warnen: Europa müsse sich von der Terroristengruppe der israelischen Führung distanzieren. «Das ist ein Ultimatum. Beschwert Euch morgen nicht!» Wenn der Sturm beginne, bliebe er möglicherweise nicht auf Palästina beschränkt, sondern auch die Europäer könnten darunter leiden. Interessanterweise wurde das Ultimatum vom Oktober von vielen europäischen Medien nicht gemeldet.Angesichts einer möglichen nuklearen Bedrohung durch den Iran könnte sich die amerikanische Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit veranlasst sehen, mit militärischen Mitteln gegen das Atomprogramm vorzugehen, glaubt Goldhagen. Allerdings wird über die Frage, ob es ein solches Atomprogramm gibt, zwischen Pentagon und CIA derzeit heftig gestritten.

    Özdemir fragt nach

    Die wichtigste Frage stellt Cem Özdemir nach Goldhagens ausdauerndem Vortrag: Was denn nun die Konsequenz dieser Rede sei? Özdemir widerspricht Goldhagen außerdem in einem zentralen Punkt. Die wahre Intention des politischen Islams sei nicht der Kampf gegen den Westen, sondern der Kampf um die politische Vorherrschaft in den jeweiligen Ländern, in denen er aktiv sei. Goldhagens Begriff sei ohnehin unpräzise, insofern er die Gräben zwischen einzelnen Fraktionen und Organisationen des politischen Islam genauso ignoriere wie die Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten.In Bezug auf den Iran bemerkt Özdemir, dass diejenigen Teile der Bevölkerung, die sich für mehr Demokratie aussprächen auch diejenigen seien, die sich für die friedliche Nutzung der Kernenergie einsetzten. Die Bedrohung durch den politischen Islam sei allerdings real. Eine Möglichkeit bestünde darin, Israel in die Nato einzubinden, um ein klares Signal an den Iran zu senden. Man müsse aber vor allem Realpolitik treiben und alles daransetzen, die Muslime für sich zu gewinnen und den Block zu spalten. Goldhagen beantwortet Özdemirs zentrale Frage mit dem Geständnis, dass die Entwicklung nicht vorauszusehen sei: «It’s hard to know how it’s gonna play out.»

    Wie der US-Politologe in Berlin versucht,

    Europa vor einer totalitären Ideologie zu warnen Von Veit Medick

    Aus der Berliner Morgenpost vom 22. November 2006

     

    Islamismus ist ein zugkräftiges Thema, eines das polarisiert. Daniel Jonah Goldhagen, Soziologe aus Harvard ist ein umstrittener Autor. Auch er polarisiert. 1996 löste er mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ in Deutschland eine heftige Debatte über die Ursachen des Holocaust aus. Er konfrontierte seine Leser mit der These, dass der Holocaust ein Produkt aus der Mitte der deutschen Gesellschaft gewesen sei, eine Folge des eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen. Im DBB-Forum in der Berliner Friedrichstraße sitzt Goldhagen, um über das Thema „Europa und der politische Islam“ zu referieren. Das Publikum aus Studenten, Akademikern, ein paar Antideutschen, Transvestiten, Japanern und Journalisten ist gespannt auf erschütternde Thesen. Sie werden nicht enttäuscht. Goldhagen ist nach Berlin gekommen, um die Europäer zu warnen, das wird schnell klar. Ganz unakademisch wendet er sich an das Publikum. Er spricht möglichst einfach und allgemeinverständlich, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen: „Der politische Islam ist die gefährlichste und radikalste politische Bewegung seit dem Nationalsozialismus.“ Sein Vormarsch an den drei wichtigsten Schauplätzen der Politik, „auf den Straßen, in den Schaltzentren der Macht und an den Kriegsfronten“, zeige, dass er nun vollständig in der Offensive sei. Besänftigungspolitik würde ihn nur zusätzlich ermuntern, die dringendste Frage lautete daher: „Wie einig und entschlossen wird der Westen dem politischen Islam antworten?“

    Und da hat Goldhagen so seine Zweifel. Nicht zuletzt die Idomeneo-Debatte um eine aus Sicherheitsgründen abgesetzte Neuenfels-Inszenierung an der Deutschen Oper zeige ihm Europas fehlendes Bewusstsein vom Ernst der Lage. Das Publikum wird unruhig. Doch Goldhagen, der „Genozid-Forscher“, wie er sich selbst nennt, lässt sich nicht beirren. Jahrelang habe er über den Nationalsozialismus geforscht, er sei also sehr vorsichtig, was den Umgang mit diesem Terminus angehe: „Aber Nazismus ist die korrekte Bezeichnung und der einzige Bezugsrahmen für politischen Islam.“ Es sind insbesondere zwei Merkmale, die für ihn die beiden Phänomene vergleichbar machen. Eine totalitäre und aggressive Ideologie, mehr aber noch die genozidäre, massenmörderische Mentalität der beteiligten Protagonisten. Dutzende Beispiele untermauern seine Argumentation; von der Charta der Hamas, den nuklearen Zerstörungsphantasien iranischer Mullahs und den terroristischen Wahnvorstellungen eines Osama bin Laden bis hin zu den islamistischen Gewaltprotesten gegen die dänischen Karikaturen. Mit den Anschlägen von London und Madrid sollte Europa gelernt haben, dass es nicht länger eine autonome Position einnimmt. Trotz der totalitären Bedrohung habe er die Befürchtung, Europa ließe sich lähmen, obwohl es gelte, Rückgrat zu beweisen: „Wie viele von Euch wollen auch mal über den politischen Islam schimpfen“, fragt Goldhagen rhetorisch in die Runde der rund 300 Gäste. „Und wie viele von Euch trauen sich das nicht? Wir sind jetzt alle Dänen. Wehret den Anfängen.“

    Angesichts solch drastischer Thesen fällt der Applaus nach rund 90 Minuten verhalten aus. Ob aus Missbilligung oder Schockstarre ist allerdings nicht ganz festzustellen. Auch Cem Özdemir, der Grünen-Politiker, ist sichtlich erregt, als er seinen angekündigten Kommentar beginnt. Ob er nicht tiefgehender differenzieren solle, da er ansonsten Gefahr laufe, Islam und politischen Islam ununterscheidbar zu machen? Was denn eigentlich die Konsequenz sei aus seinen Ausführungen? Goldhagen erwidert, seine Analyse sei kein Plädoyer für einen neuen Krieg, auch wolle er nicht dem Zusammenprall der Kulturen das Wort reden: „Aber wenn Sie mich fragen, die iranischen Atomanlagen sollten bombardiert werden.“ Die Erfahrung mit Hitler hätte gezeigt, dass man auch Wahnsinnige beim Wort nehmen sollte und sicher sein könnte, dass sie alles daran setzen würden, um ihre Prophezeiungen und Wahnvorstellungen wahr werden zu lassen. „Das sollte besser verhindert werden.“

    One Trackback/Pingback

    1. […] Daniel Goldhagen an die Adresse des einen oder anderen unserer anarchistischen Leser, aber auch der Kreuzritter (und -Prinzessinnen) von Politically Incorrect: Man darf doch auch ansonsten nicht einfach jemanden bedrohen oder attackieren. Gegen die politischen Islamisten müssen die bestehenden Gesetze mit zero tolerance angewendet werden. Muslime und Nicht-Muslime müssen den politischen Islamisten klarmachen, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht bereit ist, ihr Vorgehen zu tolerieren. Zugleich müssen wir klarstellen, dass es sich nicht um einen Kampf mit dem Islam handelt oder mit Muslimen, sondern dass es nur um die politischen Islamisten geht, die die Werte der demokratischen Gesellschaft zerstören wollen und den Untergang des Westens anstreben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die europäischen Staaten auf diese Weise mit dem Problem spielend fertig werden könnten. Das ist nicht so schwer. […]

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