Tariq Ramadan

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Ausgabe 06/07

Das Weltwoche-Gespräch
«Wir lassen uns einschüchtern»
Hanspeter Born

Der Historiker Efraim Karsh sieht den Hass der Islamisten auf das Abendland vor allem in einem Streben nach Weltherrschaft begründet. Der Westen solle aufhören, die Schuld für den Konflikt stets bei sich selbst zu suchen.

«Der Islam war nie eine Religion des Friedens»: Geschichtsforscher Karsh, 53. Bild: Muir Vidler

Herr Professor Karsh, wieso hassen viele Muslime Amerika?
Ich glaube nicht, dass gewöhnliche Muslime notwendigerweise Amerika hassen. Aber die Tatsache besteht, dass die Vereinigten Staaten seit sechzig Jahren die erfolgreichste und grösste Supermacht sind. Als solche stellen sie für diejenigen, die wir Islamisten nennen, das Haupthindernis dar. Sie stehen den Islamisten, welche die Botschaft Mohammeds oder des Islam über die Welt hinweg verbreiten und die weltweite Umma – muslimische Gemeinschaft – oder das Kalifat schaffen möchten, im Weg. Deshalb muss Amerika angegriffen werden.

Sie sehen also keinen Zusammenhang mit der aggressiven amerikanischen Aussenpolitik?
Ich glaube nein. Der Hass hat definitiv nichts zu tun mit der amerikanischen Nahostpolitik oder der amerikanischen Aussenpolitik generell.

Dies jedoch ist die Rechtfertigung, die von Islamisten für ihre Angriffe auf amerikanische Ziele gegeben wird.
Nicht von Bin Laden selber.

Rechtfertigte Bin Laden seine Fatwa gegen die USA nicht mit der Stationierung amerikanischer Truppen im Lande der heiligen Stätten Mekkas und Medinas?
Dies war bloss Teil der Rechtfertigung. Bin Laden spricht von der Demütigung der muslimischen Gemeinschaft nach der Zerstörung des Osmanischen Reichs – etwas, das vor achtzig Jahren geschah –, dann spricht er von der Tragödie des Verlusts von Andalusien – etwas, das 1492 geschah –, dann sieht er sich selber als Reinkarnation Mohammeds, als jener aus Mekka auszog. Bin Laden denkt in Jahrtausendzeitspannen. Für ihn besteht der Kampf für die Durchsetzung der wahren Religion in der Welt seit dem 7. Jahrhundert, und er selber betrachtet sich als den neuesten Kämpfer oder Mudschahed, der den Kampf ins Herzland des Westens trägt.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Geburt des Islam sei untrennbar mit Imperialismus gekoppelt und dieser imperiale Traum lebe fort.
Sicher. Mohammed war im Gegensatz zu Jesus nicht nur ein Prediger und Prophet, er war ein Politiker, er war ein Krieger und der Führer einer Gemeinschaft. Nachdem er von Mekka nach Medina gezogen war, im Jahre 622 – dem Jahr, das die Muslime als den Anfang ihrer Zeitrechnung betrachten –, verbrachte er die letzten zehn Jahre seines Lebens damit, seine Feinde zu bekämpfen und seinen Herrschaftsbereich auszudehnen. Er errichtete eine muslimische Gemeinschaft, die sich ständig weiter verbreiten sollte, damit die wahre Religion immer weitere Kreise erfassen würde. Dieser Kurs wurde von Mohammeds Nachfolgern fortgesetzt. Zehn Jahre nach Mohammeds Tod besassen die Muslime bereits ein riesiges Reich, das den grössten Teil des Nahen Ostens und Nordafrikas umfasste. Nachher besetzten sie wichtige Teile Indiens und Spaniens.

Das war vor mehr als tausend Jahren, und das letzte muslimische Reich, das Osmanische, zerbrach nach dem Ersten Weltkrieg.
Ja, aber in den 1200 Jahren zwischen dem 7. Jahrhundert und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs 1918 standen der Nahe Osten und grosse Teile Europas und Asiens unter islamischer Herrschaft, und diese islamischen Reiche basierten alle auf islamischen Prinzipien. Es gab keine Trennung zwischen Kirche und Staat; die Muslime waren die herrschende Elite und die andern ihre Untertanen. Gewiss, das Reich wurde vor achtzig Jahren zerstört, aber das Erbe ist geblieben, und der Traum einer Wiedererrichtung dieser Ordnung verschwand nie. Unmittelbar nach dem Untergang des Osmanischen Reiches tauchten zwei parallele islamische Träume auf. Der eine, begrenztere, war der Panarabismus oder der arabische Nationalismus, der nach der Schaffung eines vereinigten Reiches auf dem Gebiete des Nahen Ostens trachtete, welches in jedem Fall ein islamisches, allerdings ein arabisch-islamisches Reich gewesen wäre. Der andere Traum, der ein islamisches Reich neu aufleben lassen wollte, wurde von Gruppen wie den Muslimbrüdern und andern vertreten. Mit der Gründung der Islamischen Republik Iran 1979 trat ein Staat auf den Plan, der ganz offen die Beherrschung der Welt anstrebt. Dies führte zum Krieg zwischen dem Iran und dem Irak mit Millionenverlusten, welcher den Iran eine Zeitlang schwächte. Bald einmal jedoch nahmen die Iraner ihre ehrgeizigen Bestrebungen wieder auf, wobei ihr Anspruch auf Nuklearwaffen eine Rolle spielt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie alle bisherigen islamischen Reiche an internen und externen Rivalitäten zugrunde gingen. Könnte dies mit den Islamisten heutiger Tage nicht wieder passieren?
Dies geschieht heute im Irak, wo Muslime Muslime töten – sie töten zwar gelegentlich auch amerikanische Soldaten, doch Aberdutzende und Aberdutzende von Muslimen werden von Muslimen umgebracht. Dasselbe gilt für Algerien oder den Sudan, wo Hunderttausende von Muslimen von Muslimen getötet worden sind. Mohammed schuf das Prinzip muslimischer Solidarität, eine ideologisch und politisch sehr wichtige Vorschrift, weil die Loyalität zum Islam an die Stelle von Blutverwandtschaften und anderen Bindungen zu Stämmen oder Clans treten sollte. Es ist Muslimen untersagt, gegen andere Muslime zu kämpfen, weil ihre Aufgabe sein sollte, sogenannte Ungläubige zu töten. In Tat und Wahrheit begannen die Muslime schon kurz nach Mohammeds Tod einander zu bekämpfen. Im Laufe der Geschichte sind viel mehr Muslime durch Muslime umgekommen als durch Christen.

In der Theorie allerdings stehen sich das Haus des Islam und das Haus des Kriegs von jeher feindlich gegenüber. Die Islamisten führen gerne die Kreuzzüge ins Feld, wenn sie von der Bedrohung ihres Glaubens durch die USA und deren Verbündete reden.
Dies ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, ein politisches Instrument der Islamisten. Als die Kreuzzüge stattfanden, waren sich die meisten Muslime gar nicht bewusst, dass es so etwas gab. Zwar kam es am Anfang der Kreuzzüge, als die Kreuzfahrer Palästina und Jerusalem besetzten, zu einigen Massakern und Kämpfen, aber dann liessen sich die Kreuzfahrer nieder, gründeten Königreiche in der Levante und lebten sich dort ein. Sie kollaborierten mit den Muslimen, und es gibt unzählige Episoden von muslimischen Herrschern, die mit christlichen Herrschern gegen andere muslimische Herrscher zusammenspannten, und von christlichen Herrschern, die sich mit muslimischen Herrschern gegen christliche Herrscher vereinigten. Unter lokalen Imperialisten gab es eine Interessenübereinstimmung, gegenüber der die Religion in den Hintergrund trat. Im 20. Jahrhundert haben Islamisten – und Panarabisten vor ihnen – einen Mythos erfunden, wonach die Kreuzzüge einen vereinigten Einfall Europas ins vereinigte Haus des Islam darstellten – was nicht der Sicht entspricht, welche die Zeitgenossen hatten. Es stimmt, dass die Kreuzritter Jerusalem den Muslimen wegnahmen. Ja und? Jerusalem war keine grössere Stadt, es war für die damaligen islamischen Regime nicht wichtig. Bagdad war die Hauptstadt des Reichs, Mekka und Medina waren die heiligen Stätten – Jerusalem war in der islamischen Weltordnung eine zweitrangige marginale Stadt. Bevor Jerusalem muslimisch wurde, war es jüdisch und dann römisch. Weshalb also das Getue?

Wieso ist der Islamismus so aggressiv geworden, und wieso hat er derartig Auftrieb?
Der Islam ist das organisierende Prinzip im Nahen Osten seit dem 7. Jahrhundert. Die imperiale Ordnung stützte sich immer auf die Religion. Historisch gab es im Nahen Osten nie einen Nationalismus. Die Menschen haben sich nicht als Araber gefühlt. Der Panarabismus ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, die von gewissen Eliten gemacht wurde, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Der Islam, der dominierende Faktor während 1400 Jahren, wurde vorübergehend in den Hintergrund gedrückt, aber ist dann wieder hervorgetreten. Die Leute im Nahen Osten sind immer noch auf eine Weise fromm, wie es die Europäer in den letzten beiden Jahrhunderten nicht mehr gewesen sind. Deshalb würde ich sagen, dass die Schaffung sogenannt weltlicher Regime wie der Baath-Partei im Irak oder Syrien eine Abweichung waren. Der Islamismus geht dem Volk viel näher als diese Regime. Sehen Sie doch, was im Irak geschah. Als Saddam Hussein unter Druck geriet, begann er sich plötzlich als guter Muslim zu gebärden und setzte den Satz «Allah ist gross» auf die Flagge. Nicht Islamismus, aber der Islam bleibt das organisierende Prinzip, es sei denn, es komme zu fundamentalen Reformen in den Gesellschaften des Nahen Ostens – was ich allerdings nicht erwarte.

Nun gibt es Leute, die behaupten, diese Reform werde kommen und sie werde wahrscheinlich von den Muslimen in Europa ausgehen. Ich glaube, der Schweizer Islamgelehrte Tariq Ramadan behauptet solches.
Diese Leute sind schlau, und sie reden doppelzüngig. Geschähe dies wirklich, wäre dies begrüssenswert. Aber ich glaube, das genaue Gegenteil passiert. Die Muslime in Europa haben ihre Lebensart und ihre Traditionen mit sich genommen, und sie versuchen, diese schrittweise den Europäern aufzunötigen.

Wie stark und wie verbreitet ist Ihrer Meinung nach der Traum von einer vereinigten Umma, von einem neuen Kalifat?
Dies ist, was die Islamisten als den Sinn des Islam betrachten. Aber die gewöhnlichen Muslime wollen bloss ihrer täglichen Tätigkeit nachgehen und ein normales Leben führen. Viele haben gar keine Ahnung, dass es diesen Traum gibt. Schauen Sie, die halbe Welt ist analphabetisch. Wenn man die Lese- und Schreibfähigkeit im Nahen Osten, etwa in Ländern wie Jemen, anschaut, dann liegt die sehr tief, und dann fragt man sich: Wie gut kennen diese Leute ihre Religion?

Sie brauchen ja ihre Religion gar nicht gut zu kennen, sie brauchen bloss charismatischen Führern wie Bin Laden oder Achmadinedschad zu folgen.
Bin Laden sagt, was Mohammed sagte: Der Islam ist die wahre, universale Religion, die obsiegen soll. Das Christentum war auch so, aber es hat seinen Messianismus schon vor Jahrhunderten verloren – der Islam nicht. Die Eliten, die Erzieher, die Leute, die in den Moscheen predigen, die denken und schreiben, glauben weiterhin an dieses Ziel. Dies heisst nicht, dass es gewaltsam angestrebt werden muss, aber es muss angestrebt werden.

Jedes Mal, wenn Islamisten einen Anschlag wie in New York, Bali, Madrid oder London ausführen, beeilen sich Politiker – selbst Bush und Blair – zu beteuern, dass diese Gewalttaten das Werk einer kleinen, unrepräsentativen, fanatischen Minderheit seien. Der Islam sei eine friedfertige Religion.
Schauen Sie sich die islamische Geschichte an. Man zeige mir bitte, wo und wann der Islam friedfertig war – dann kann ich mich vielleicht dieser Meinung anschliessen. Der Islam war nie eine Religion des Friedens. Das Wort «Islam» bedeutet nicht Frieden, wie es ab und zu heisst, sondern Unterwerfung. Unterwerfung und Frieden sind nicht dasselbe. Das bedeutet nicht, dass jeder Muslim gewalttätig ist und dass man Leute in die Luft sprengen muss, um sie davon zu überzeugen, sich dem Islam anzuschliessen und den Islam zu verbreiten. Man kann dies durch Überzeugung und Bekehrung tun, durch Heirat, durch die Erzeugung vieler Kinder. Aber einige – eine Minderheit gewiss, aber eine ansehnliche Minderheit – sind gewalttätig. Als 9/11 geschah, applaudierten viele Muslime. Letztlich bleibt der Islam eine Religion, welche die Weltherrschaft anstrebt.

Was tun als Westler oder westlicher Politiker? Wie begegnet man diesem Anspruch auf Weltherrschaft?
Ich will keine politischen Rezepte geben. Damit kriegt man bloss Ärger. Aber gut: Man soll aller Leute Glauben respektieren. Aber Muslime, die nach Europa kommen und in Europa, einer westlichen Gesellschaft, einer liberalen Demokratie, leben, müssen die Spielregeln akzeptieren. Wenn du in Europa lebst, musst du dich integrieren, musst du eine westliche Form des Islam finden, die sich grundsätzlich von dem unterscheidet, was der Islam immer gewesen ist und noch immer ist. Es muss ein Islam sein, der Kirche und Staat trennt, der eine Sache des persönlichen Glaubens ist, der nicht politisch ist.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass dies geschieht?
Nein, ich sehe eher das Gegenteil. Als der britische Minister Jack Straw, der in seinem Wahlkreis viele Muslime hat und den Muslimen gegenüber freundlich gesinnt ist, sich gegen die totale Verschleierung der Frau aussprach, war die Reaktion in der britischen muslimischen Gemeinde äusserst heftig.

Wie im Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen sagen die Muslime, auch bei der Verschleierung gehe es darum, dass der Westen ihre Religion und ihre Traditionen respektiere.
Natürlich soll man dem Propheten Mohammed Respekt erweisen. Aber die Muslime müssen akzeptieren, dass nicht alles, was sie als Respektlosigkeit betrachten, Respektlosigkeit ist. 99 Prozent der Muslime, die vor einem Jahr auf die Strasse gingen, randalierten, Sachschaden anrichteten und sogar töteten, hatten die Karikaturen nie gesehen, wussten nicht, wo Dänemark liegt, und hatten keine Ahnung, worum es wirklich ging. Ihnen wurde gesagt, dass der Prophet verleumdet worden sei, und dann wurden sie von ihren Führern auf die Strasse geschickt, um Krawall zu machen. Nehmen Sie Syrien. Dies ist ein Land, wo vor zwanzig Jahren der Vater des gegenwärtigen Präsidenten Zehntausende von muslimischen Aktivisten umbrachte und die Stadt Hama, ihre Hochburg, dem Erdboden gleichmachte. Jetzt wollen Sie mir sagen, dass das weltliche syrische Regime sich auch nur im Entferntesten um diese Karikaturen schert? Das Regime schickte die Leute auf die Strasse, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Und um den Westen einzuschüchtern?
Natürlich. Und wir lassen uns einschüchtern.

Und wenn der Papst eine Vorlesung über Vernunft und Glauben hält, muss er sich nachher entschuldigen?
Genau. Wenn Sie die Rede des Papstes ganz lesen – was die wenigsten getan haben –, sehen Sie, dass er westliche christliche Werte viel stärker kritisierte als den Islam. In der Rede gab es einen einzigen Satz, der den Dschihad als unmoralisch bezeichnete. Was ist derDschihad? Der Dschihad ist die gewaltsame Verbreitung der Religion.

Muslime betonen immer wieder, Dschihad bedeute nicht Krieg, sondern eine innere Anstrengung.
Das sagt man uns. Dschihad bedeutet Anstrengung oder Kampf, und eine Interpretation des Wortes ist «Kampf um Selbstverbesserung». Aber dies ist nicht, was Muslime meinen, wenn sie von Dschihad reden. Als das Osmanische Reich die Muslime auf der ganzen Welt aufforderte, in den Dschihad gegen England, Frankreich und Russland zu ziehen, dann hiess dies nicht, sie sollten in ihrem Kämmerchen den Koran studieren, sondern, dass sie kämpfen sollten. Als zum Dschihad gegen die Sowjets in Afghanistan aufgerufen wurde, dann bedeutete dies: Geht und tötet sie! Wenn Apologeten behaupten, der Dschihad sei nicht Krieg, dann ist dies Unsinn, der dazu dient, den Westen zu täuschen.

Wieso üben Ideen wie der Dschihad auf junge, in Grossbritannien aufgewachsene Muslime eine derartige Anziehungskraft aus?
Weil sie nicht genügend assimiliert worden sind. Hier liegt das Problem. Wären sie genügend assimiliert worden und hätte sich der europäische Islam gewandelt und reformiert, würden diese jungen Leute nicht über die Umma nachdenken, und es käme ihnen nie in den Sinn, Ungläubigen den Islam aufzunötigen. Vielmehr würden sie ihren Glauben privat praktizieren, beten und gute Taten vollbringen.

Wenn Bernard Lewis sagt, am Ende des Jahrhunderts werde Europa wahrscheinlich muslimisch sein, hat er recht, oder liegt er völlig falsch?
Ich glaube nicht, dass er völlig falsch liegt. Natürlich hängt es davon, was Europa macht. Aber wenn die Europäer nicht aufwachen, wird dies passieren. Nicht unbedingt durch Gewalt, sondern durch Einwanderung, Bekehrung und gelegentlich auch Einschüchterung. Heute nehmen die Muslime die Karikaturen zum Anlass, morgen werden es Fernsehsendungen, Filme oder Kleiderordnungen sein, an denen sie Anstoss nehmen. Als Gaza unter israelischer Besatzung war, existierte dort ein weltlicher Freiraum – ein nicht allzu grosser, weil alle diese Gesellschaften religiös sind. Aber als Israel abzog und Arafat kam, der der Hamas freien Lauf liess, begannen sie Kinos und Videoläden niederzubrennen.

Geben wir im Westen zu leicht nach, wenn die Muslime etwas fordern? Herrscht so etwas wie ein Geist des Appeasement?
Ja, es gibt einen Geist des Appeasement. Aber man kann nur zum Teil von Beschwichtigung reden. Es handelt sich auch darum, dass die Leute in Europa sich nicht bewusst sind, welcher Art von Bedrohung sie gegenüberstehen. Wenn man ihnen weismacht, der Dschihad sei etwas Friedliches, dann glauben sie es. Sie wissen nicht, welcher wirklichen Herausforderung sie begegnen müssen, und viele wollen es nicht wissen. Wenn man weiss, dass man bedroht ist, muss man etwas unternehmen. So ziehen es die Leute vor, in Unwissenheit zu leben und nichts zu tun.

Vogel-Strauss-Politik?
Ja. Bis die Sache früher oder später explodiert.

Es gibt ernsthafte Politiker, die das Palästinaproblem als zentrales Anliegen der Muslime sehen und die behaupten, eine gerechte Zweistaatenlösung würde den Islamisten den Wind aus den Segeln nehmen.
Dies ist Unsinn. Die Israelis waren schon vor siebzig Jahren für eine Zweistaatenlösung. Die Araber wollten dies nicht und zogen gegen Israel in den Krieg. Sie verloren den Krieg. Dann verloren sie weitere Kriege. 1967 besetzte Israel die Westbank und Gaza. Schrittweise kam es zum Oslo-Abkommen von 1993 mit einer vorgesehenen Zweistaatenlösung. Barak bot Arafat in Camp David (2000) einen Staat an – vielleicht nicht 100 Prozent der Westbank, aber man hätte ja weiter verhandeln können. Die Hamas will keine Zweistaatenlösung. Die Fatah spricht von einer Zweistaatenlösung auf Englisch und von einer Einstaatenlösung auf Arabisch, was die Vernichtung Israels bedeuten würde. Ich selber bin seit Jahrzehnten für die Zweistaatenlösung, und auch die meisten Israelis würden sie mit Freude akzeptieren, wenn die Palästinenser einverstanden wären. Aber sie wird das Problem nicht lösen.

Wieso gewinnen die Muslime den Propagandakrieg in Europa? Wieso nahm im Libanonkonflikt eine Mehrheit der Europäer gegen Israel Partei, und wieso glaubt eine Mehrheit der Europäer, Israel unterdrücke die Palästinenser?
Ganz einfach: weil Israel ein jüdischer Staat ist. Machen wir uns nichts vor! Es handelt sich hier um eine Fortsetzung der alten Obsession mit den Juden. Niemand kümmert sich auch nur einen Deut um die Palästinenser. Die Araber haben sich nie um die Palästinenser gekümmert.

Immerhin ist verständlich, wenn sich die europäische Öffentlichkeit empörte, als im Libanonkrieg zahlreiche Frauen und Kinder durch israelische Bomben ums Leben kamen.
Es war Krieg, und etwa tausend Menschen starben. Dies ist im Vergleich zu andern Kriegen keine hohe Opferzahl.

Aber es waren hauptsächlich Zivilisten, die umkamen.
Natürlich waren es hauptsächlich Zivilisten, weil die Hisbollah aus Zivilisten besteht. Es ist keine Armee, es sind Terroristen, die sich in der Zivilbevölkerung verstecken. Ungefähr sechshundert bis siebenhundert Hisbollah-Kämpfer oder wie immer Sie sie nennen wollen, wurden getötet.

Wieso denn war die allgemeine Auffassung in Europa, dass Israels Antwort auf die Provokationen der Hisbollah disproportioniert sei?
Weil die Europäer den Juden gegenüber unfair sind. Sie sind immer unfair gewesen. Seit der Zeit der Römer haben sie Juden umgebracht. Was ist neu daran? Kurz nach dem Ende des Holocaust wurden in Polen bereits wieder Juden in Pogromen getötet. Wer kümmert sich um das Los der Palästinenser? Den Palästinensern geht es vergleichsweise zehnmal besser als dem Rest der Welt. Und überhaupt endete die israelische Besatzung 1996.

Israel ist immer wieder militärisch in die Territorien eingedrungen. Man erinnert sich an die Aktion in Jenin, die von vielen Medien als Massaker beschrieben wurde.
Was für ein Massaker? Es gab überhaupt kein Massaker. Im Verlaufe von heftigen Kämpfen wurden zwanzig Zivilisten getötet. Die Amerikaner oder Briten töten bei ihren Aktionen im Irak Tausende von Leuten an einem Tag, wie in Falludscha. König Hussein von Jordanien tötete 10000 Palästinenser in einer Woche. In der Intifada von 1987 bis 1990 wurden mehr Palästinenser von Palästinensern getötet als von Israel. Auch heute noch bringen sie sich gegenseitig um. Und wen schert es? Die Israelis geben sich jede Mühe, um unschuldige Opfer zu vermeiden. Die Israelis töten ein Minimum, während die Palästinenser das Maximum von Juden töten, das möglich ist. Wenn sie könnten, würden sie alle Juden umbringen. Trotzdem verurteilt die Welt die Israelis. Wieso? Weil die Juden die Unterdrücker, die Blutsauger sind.

(c) 2007 by Die Weltwoche, Zürich – E-mail: webmaster@weltwoche.ch

Interview mit Tariq Ramadan: «Sie sind ein arroganter Mensch»

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Aus Ausgabe 47/06 | Das Weltwoche-Gespräch


Hanspeter Born und Eugen Sorg

Was ein kontroverser Dialog mit dem islamistischen Autor hätte werden sollen, geriet zum Fiasko.

Wir freuten uns auf ein anregendes, kontroverses zweites Gespräch mit dem islamistischen Autor und Prediger Tariq Ramadan. Das erste hatte zwei Wochen zuvor stattgefunden, und nachdem wir es nochmals abgehört hatten, waren wir etwas unzufrieden – mit uns selbst und mit Ramadan. Wir hatten über Islam und Terror gesprochen, über den Irak, die Rückständigkeit der arabischen Welt, die Uno, universale Werte, Meinungsfreiheit, Kopftücher. Nun hatten wir das Gefühl, unsere Fragen seien zu allgemein und zu erwartbar gewesen. Und seine Antworten zu routiniert, zu glitschig, zu vieldeutig – ohne dass wir ihn zu mehr Klarheit gedrängt hätten.

Diesmal wollten wir es besser machen. Wir wollten konkreter sein, härter, persönlicher, Schaumrhetorik und verbale Hütchenspiele möglichst stoppen. Wir wollten wissen, wie Ramadan sich zu folgenden Fragen und Aussagen stellt: In den Augen der meisten Muslime ist der Westen moralisch minderwertig. Toleranz ist ein Zeichen von Dekadenz. Die islamischen Gesetze der Scharia verlangen die Todesstrafe u.a. für Homosexuelle, Ehebrecherinnen, Atheisten, vom islamischen Glauben Abgefallene etc. Angenommen, R.s Tochter geht im Bikini ins Schwimmbad, will mit dem Freund zusammenziehen, Freund ist Atheist; R.s Sohn verkündet den Eltern, dass er schwul sei und dies auch auslebe: Was macht R.?

Im Islam zentral sind Gerechtigkeit und Gesetz, aber er hat keinen Begriff von Freiheit oder autonomem Subjekt. Der Islam ist kein Humanismus. Es ist bezeichnend, dass gegen Schriftsteller Rushdie damals eine Fatwa ausgesprochen wurde, nicht aber gegen Osama Bin Laden, Zarqawi oder ähnliche Verbrecher. Der Koran ist Menschenwerk, der Prophet war ein erfolgreicher Warlord. Der rundum trostlose Zustand der arabischen Welt hat mit dem Verbot von Islamkritik zu tun. Der Prophet erlaubt dem Gläubigen die Taqiya, das heisst die Verstellung und die Lüge, wenn er unter Ungläubigen lebt: Wie können wir R. glauben, was er uns sagt?

Tariq Ramadan hatte uns in ein Café im Genfer Flughafen bestellt, wo er wie beim ersten Mal mit vierzig Minuten Verspätung eintraf. Das darauf stattfindende Gespräch war nicht gerade ein Musterbeispiel für einen gelungenen interkulturellen Dialog. Es war vielmehr ein Fiasko. Wir scheiterten vollkommen, und die Begegnung endete damit, dass Ramadan nach fünfzehn Minuten wieder aufstand und wütend enteilte. Die meisten unserer Fragen blieben ungestellt.

    Born: Sie werden zitiert mit der Aussage, der Westen sei dekadent.
    Nein, ich habe dies nie so geäussert, nie. Lesen Sie meine Bücher, zum Beispiel «Der Islam und der Westen und die Herausforderungen der Moderne». Ich sage genau das Gegenteil. Neulich sass ich mit einem Scheich, einem islamischen Gelehrten, in einer ägyptischen Moschee. Er sagte zu den anwesenden Gläubigen, die Westler würden sich wie Hunde benehmen. Nach der Vorlesung meinte ich zu ihm, eine solche Aussage sei nicht tolerierbar, weil ich selber in der Schweiz lebe, und dort würden sie nicht wie Hunde agieren. Dies sei eine falsche Wahrnehmung des Westens. Also, philosophisch gesprochen, bin ich gegen die Rede von der Dekadenz. Sie sind ein westlicher Bürger, und Sie kritisieren die Exzesse, die Masslosigkeiten des Westens. Ich bin wie Sie.Born: Herr Ramadan, was mögen Sie nicht am Westen?
    Die Exzesse.Born: Welche Exzesse?
    Zum Beispiel, dies ist meine jetzige Wahrnehmung, die Besessenheit vom Konsumismus. Tatsache ist, dass wir die Ethik verlieren, wenn wir auf diesem Weg weiterfahren. Die Besessenheit mit unseren Rechten ist etwas… Ich sage, dass die universale Erklärung der Menschenrechte respektiert werden muss. Gleichzeitig sage ich meinen Mitbürgern, seid vorsichtig, vergesst nicht Pflichten und Verantwortung, wenn ihr eure Rechte einfordert – die Verantwortung gegenüber den anderen Mitbürgern, gegenüber der Schöpfung, sogar gegenüber den Tieren. Dieser ethische Gesichtspunkt ist sehr wichtig für mich. Ich sage, im Westen stehen wir Herausforderungen und verschiedensten Exzessen gegenüber, und wir müssen unseren kritischen Verstand auf verschiedenste Weise benutzen. Dies tue ich. Der französische Publizist Alain Grèche sagte einmal: «Ich bin kritischer gegenüber dem Westen als Tariq Ramadan, aber niemand fragt mich deswegen nach meiner Zugehörigkeit.» Also, dies ist der eigentliche Kern Ihrer Frage: Um zu beweisen, dass ich ein Bürger des Westens bin, muss ich blind sein und schweigen.Born: Nein, nein… (wird unterbrochen).
    Ich bin kritisch, jawohl, aber nie sagte ich, der Westen sei verloren.Born: Würde es Sie mit Befriedigung erfüllen, wenn in hundert Jahren der Westen islamisch wäre?
    Niemals. Ich träumte nie von einem islamischen Europa.Born: Warum nicht? Jede Religion will… (wird unterbrochen).
    Nein. Wenn Gott es gewollt hätte, wären wir jetzt eine einzige Gemeinschaft. Christen, Juden, sogar Atheisten und Agnostiker.Born: Sie wollen nicht, dass der Islam die dominante Religion in der Welt ist?
    (Leise) Ich will dies nicht, nein. Wissen Sie, was ich den Muslimen sage? Es ist besser, in der Minderheit zu sein als in der Mehrheit. Weil in jedem diese Versuchung lauert, den anderen zu unterdrücken. Mein Kampf geht nicht um Macht, er geht um Werte. Sagen Sie nicht, ich betreibe Double Talk, ich sei doppelzüngig. Lesen Sie meine Bücher.Sorg: Was ist islamisch an Ihrem Denken? Sie reden von universalen Menschenrechten. Dies ist ein westliches Konzept, ein Konzept der europäischen Aufklärung.
    (Leise, scharf) Total falsch. Wer hat Ihnen das gesagt?Sorg: Es steht in den Büchern. Aufklärung ist ein europäisches, postreligiöses Projekt.
    Falsch. Al-Farabi sprach von universalen Rechten. Kennen Sie Al-Farabi?Sorg: Wer?
    14.Jahrhundert. Sie unterstellen mir Ihre eigene Ignoranz. Dies ist Double Talk. (Al-Farabi wurde im 9.Jahrhundert geboren. Die Red.)

    Sorg: In vielen muslimischen Ländern würden Sie getötet, würden Sie von universalen Rechten sprechen.
    Ich werde nicht getötet in muslimischen Ländern. Wer sagte Ihnen das?

    Sorg: Man kann es jeden Tag in den Zeitungen lesen. In Saudi-Arabien kann man wegen des Besitzes einer Bibel hingerichtet werden.
    Ich bin kritischer gegenüber muslimischen Ländern, als Sie jemals sein werden. Wo waren Sie und Ihre Zeitung, als Saudi-Arabiens König Fahd in die Schweiz kam? Nirgendwo. Wissen Sie warum? Geld.

    Sorg: Geld?
    Weil er mit Geld kam – mit 46 Millionen Franken.

    Born: Haben Sie protestiert?
    Ich habe einen Artikel geschrieben. Dass sie die Werte nicht respektieren.

    Sorg: Welche Werte?
    Die universalen Werte der Menschenrechte. Welche nicht Ihnen gehören. Sie haben nie islamische Philosophie studiert. Was wissen Sie über Al-Farabi, was wissen Sie über Averroës? Und Sie wollen mir erzählen, dass…

    Sorg: Von Averroës weiss ich, dass auch er heute in islamischen Ländern umgebracht würde. (Averroës, islamischer Philosoph, 12.Jahrhundert, starb im Exil, seine Schriften wurden von der damaligen islamischen Nomenklatura verbrannt. Die Red.)
    Was soll diese Diskussion? Was ist der Punkt? Ich spreche nicht über die heutige Realität. Ich spreche über universale Werte.

    Sorg: Es begann in Europa mit Descartes… (wird unterbrochen).
    Sie wissen nichts über chinesische Philosophie, nichts über islamische Philosophie. Diese Ignoranz macht Sie arrogant.

    Sorg: Aber wir sprechen über aktuelle Politik…
    (Laut, wütend) Sie sind arrogant. Sie sprechen nicht über aktuelle Politik. Sie sprechen über universale Werte.

    Born: Lasst uns über Freiheit sprechen, über die westlichen Werte… (versucht zu glätten).

    Sorg: (Trotzig) …der Islam steht im Gegensatz zum Humanismus…
    (Schneidend) Stopp, stopp, stopp mit dieser Diskussion…

    Sorg: Warum?
    …und unterstehen Sie sich, über den Islam… Was soll das? Wie viele Muslime kennen Sie? Was haben Sie über den Islam gelesen? Sie sind ein arroganter Mensch. Ein Muslim wie Al-Farabi ist toleranter als Sie.

    Sorg: Vor wie vielen Jahrhunderten lebte er?
    Was soll das? Jetzt bin ich toleranter als Sie. Ich sage nicht, das Christentum ist so oder so…

    Sorg: Ich sprach nicht vom Christentum. Ich sprach von der Aufklärung, welche ein europäisches, religionskritisches…
    (Scharf) Es gibt also keine islamische Aufklärung? Nennen Sie mir drei islamische Philosophen, bitte…

    Sorg: Die drei bekanntesten sind… (wird unterbrochen).
    (Noch schärfer) …bitte, nennen Sie mir, ausser Averroës…

    Sorg: Ich will Sie etwas fragen…
    …nennen Sie mir drei. Sie sind ein arroganter Mensch.

    Sorg: Danke. Das sagen Sie mir zum fünften Mal.

    Born: Nein, entschuldigen Sie…
    (Steht auf) Ich will nicht, ich habe nichts zu tun mit diesem Kerl. Fertig. Diese Diskussion ist beendet.

    Born: Nein, nein, nein…

    Sorg: (Lauter als sonst) Sie laufen davon. Ist dies Ihr Konzept von Dialog? Ich sagte, Islam und Humanismus sind Gegensätze. Beweisen Sie mir das Gegenteil.
    (Zu Born gewandt, immer noch stehend, sehr wütend) Sie kamen mit diesem Kerl… Sie hören nicht auf meine Antworten… (Grosses Durcheinander, Ramadan drückt Sorgs Visitenkarte in Borns Brusttasche, sehr, sehr wütend, und verlässt das Lokal schimpfend.) …arrogant… unhöflich… (Verschwindet in der Menge der Passanten, ohne sich noch einmal umzudrehen.)

    Sorg: (Leicht geknickt, zu sich selbst) Der ist sich das nicht gewohnt.

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Tariq Ramadan und der Kampf der Kulturen

von Ralph Ghadban, mit einer Einleitung von Johannes Kandel via FES

Tariq Ramadan, so schreibt Johannes Kandel in seiner Einleitung zu dem Text „Tariq Ramadan und der Kampf der Kulturen“ von Ralph Ghadban, ist eine schillernde Figur: Geboren 1962 in der Schweiz, wo sein Vater, Said Ramadan, seit 1954 im Exil leben musste, da er von der ägyptischen Regierung verfolgt worden war. Sein Großvater väterlicherseits ist der legendäre Gründer der islamistischen Muslim-Bruderschaft, Hassan al-Banna, der 1949 ermordet wurde. Hassan al-Banna vertrat stets radikale antizionistische und antisemitische Positionen, von denen sich sein Enkel heute öffentlich distanziert.

Tariq Ramadan gilt seit Veröffentlichung seiner Bücher „Muslim Sein in Europa“ und „Der Islam und der Westen“ vor allem in Kreisen muslimischer Intellektueller als Hoffnungsträger und Vermittler zwischen Islam und europäischer Kultur. Er wird als „Islam-Reformer“ gefeiert, gleichwohl mehren sich die Stimmen, die ihn eher als „aufgeklärten Euro-Islamisten“ bezeichnen, der, so Johannes Kandel, „listig eine dialogische und intellektuell ansprechende Variante von Islamismus in den Islam-Diskurs einbringt und auf diese Weise die ‚Islamisierung’ Europas durch die Hintertür“ bezwecke.

Johannes Kandel hält in seinem Vorwort fest, wer sich Ramadans Bücher genauer anschaue und analysiere, auf welche islamischen Quellen er sich stützt und welche er auslässt, dem erscheine Ramadans „Reformimpuls“ in einem anderen Licht. Es blieben viele Fragen offen, z.B. die nach der Akzeptanz des säkularen Staates. Genau diesen analytischen und empirischen Blick auf die Positionen Tariq Ramadans wirft Ralph Ghadban in seinem hier vorliegenden Text. Als Hauptkritikpunkt führt Ralph Ghadban an, dass Tariq Ramadan einen grundsätzlichen Unterschied zwischen „dem Westen“ und „dem Orient“ behauptet, eine kulturelle Differenz, deren entscheidendes Unterscheidungsmerkmal in der Religion begründet liege.

Ghadban analysiert das Bild des Christentums bei Ramadan und vor allem dessen Islamverständnis. Beiden Lesarten stellt Ghadban kenntnis- und detailreich in philosophischen, religions- und kulturtheoretischen Exkursen andere Deutungen entgegen. Insbesondere lässt er die islamische Theologie- und Philosophiegeschichte Revue passieren, um veranschaulichen zu können, welche Entwicklungen der „geistigen islamischen Geschichte“ Ramadan aus welchen Gründen und mit welchen Zielen ausblendet.

Sie können den Text von Ralph Ghadban und die Einleitung von Johannes Kandel als PDF-Datei (16 Seiten) aufrufen und herunterladen.

Freitag, März 17, 2006 Berlin an der Humboldt Uni

Tariq Ramadan: „Wir bekommen die Muslime, die wir verdienen“

posted by c. sydow via al sharq

 

Tariq Ramadan, der wohl bekannteste und umstrittenste islamische Gelehrte und Intellektuelle Europas, hat gestern an der Berliner Humboldt-Universität in einem Vortrag unter dem Titel „Muslim Rennaissance through European Islam“ seine Vorstellungen von der Entwicklung des Islam in Europa einerseits und in den islamischen Mehrheitsgesellschaften Afrikas und Asiens andererseits, dargelegt.

Vor etwa 250 Zuhörern stellte der Schweizer zunächst klar, dass es nur einen Islam gebe, dessen Prinzipien und Säulen für jeden Muslim gelten. Innerhalb des Islam gebe es aber mindestens sechs verschiedene Lesarten der heiligen Schriften Koran und Sunna (Überlieferung der Handlungen und Aussprüche des Propheten Muhammad). Ramadan nannte die traditionalistische, die rationalistische, die sufistische, die salafitische, die reformistische und die politische Lesart. Diese Vielzahl an verschiedenen Lesarten mache die für viele Nichtmuslime unverständliche Diversität des Islam aus.
Der Islam hat, so Ramadan weiter, überall wo er sich ausgebreitet hat, Elemente der in den Ländern herrschenden jeweiligen Kultur in sich aufgenommen. So übernahmen Muslime im Senegal Elemente der senegalesischen Kultur oder iranische Muslime Elemente der iranischen Kultur. Beide Muslime haben die gleiche Religion aber eine andere Kultur. Ebenso werde der Islam in Europa in Zukunft verstärkt Elemente der europäischen Kulturen in sich aufnehmen.
Muslime, die in Europa aufwachsen, werden im Kontext der europäischen Gesellschaften den Koran anders lesen als Muslime im Nahen Osten oder Nordafrika. Sie werden, so der 43-Jährige gestern weiter, andere Antworten auf ihre Fragen finden als ihre Glaubensbrüder in den islamischen Mehrheitsgesellschaften. Diese neuen Antworten werden im Zeitalter der neuen Medien auch ihren Weg in diese Länder finden und einen Diskussionsprozess anstoßen.
Die in jüngster Zeit an Muslime gerichtete Frage: „Definierst du dich in erster Linie als Muslim oder als Deutscher?“, sei eine Falle, erklärte Ramadan. Sie sei in erster Linie Sinnbild einer Identitätskrise der Europäer.

Für eine erfolgreiche Integration in Europa sei es für die Muslime notwendig die Kultur ihrer Herkunftsländer hinter sich zu lassen. So müsse ein in Deutschland lebender Türke seine islamische Religion von der türkischen Kultur trennen, um ein muslimischer Deutscher werden zu können. Wörtlich erklärte Ramadan: „Alles, was der europäischen Kultur widerspricht, muss abgelegt werden.“ Wichtig für diesen Schritt sei es aber, die Prinzipien des Islam zu kennen um kritisch mit seiner Kultur umgehen zu können. So müsse ein Muslim wissen, dass Zwangsheiraten und häusliche Gewalt Teil der türkischen Kultur, nicht aber Teil des Islam seien. Viel zu oft würden diese kulturellen Praktiken im Namen des Islam durchgeführt. Der Koranvers, der das Schlagen von Frauen erlaubt, sei im Kontext der 23-jährigen Offenbarung des Koran zu sehen, an deren Ende Gott schließlich erklärt habe zwischen Mann und Frau gebe es nichts als Liebe.
Entschieden wandte sich Tariq Ramadan, der 2004 von Universität Notre Dame in Indiana zum Professor berufen wurde, diese Stelle aber nicht antreten durfte, weil ihm das US-Heimatschutzministerium das Visum entzog, gegen das häufig von Islamisten propagierte dualistische Weltbild, das die Welt in „Dar al-Islam“ (Haus des Islam) und „Dar al-Harb“ (Haus des Krieges) einteilt. Ramadan setzt diesem das Konzept des „Dar al-Shahada“ (Haus des Zeugnisses) entgegen – eine Welt in der jeder, gleich ob Muslim, Christ oder Atheist nach seinen Vorstellungen und Überzeugungen leben könne. Weder der Westen noch der Islam seien monolithische Blöcke.

Die Prinzipien der Demokratie nannte Ramadan, Enkelsohn von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbrüder, universell. Das demokratische Staatskonzept stehe keinesfalls im Widerspruch zu islamischen Prinzipien. Die islamischen Staaten werden diese Prinzipien in Zukunft schrittweise übernehmen, auch wenn das Demokratiemodell dann anders aussehen könnte als im Westen.
Weiter forderte Ramadan einen Islam-Unterricht nach dem Vorbild des Unterrichts an westlichen Schulen. „In Europa wird den Kindern beigebracht Fragen zu stellen, in islamischen Schulen wird den Kindern beigebracht zu gehorchen.“ Auch die Vorschriften des Imams müssten kritisch hinterfragt werden. Daher müsse der Islam-Unterricht in Europa an staatlichen Schulen stattfinden. Mit einer bloßen Nachahmung dessen, was der Lehrer sagt, wie an den Koranschulen üblich, sei man im Westen verloren.
Der Konflikt um die Muhammad-Karikaturen habe erstmals die negativen Auswirkungen des europäischen Islam auf die islamische Welt gezeigt. Radikale Gruppen in den islamischen Mehrheitsgesellschaften hätten den Konflikt ebenso ausgenutzt wie die rechten Parteien Europas. Dieses Beispiel mache deutlich, dass Probleme mit europäischen Muslimen auch in Europa gelöst werden müssen. Das in der Folge des Streits wieder ins Spiel gebrachte Konzept des „Clash of Civilisations“ wies der Doktor der Philosophie und der Islamwissenschaft zurück. Angesichts des Widerspruchs den die Karikaturen selbst in den westlichen Gemeinschaften ausgelöst hätten und des Widerspruchs gegen die gewaltsamen Proteste innerhalb der islamischen Länder, sei eher von einem „Clash within Civilisations“ zu reden.

Als Forderungen an die europäischen Gesellschaften nannte Ramadan, dem ebenso die Einreise nach Tunesien, Ägypten und Saudi- Arabien verboten ist, drei Dinge.:
Zunächst müsse eine Debatte über Identität angestoßen werden. Jeder Europäer sollte folgende Fragen für sich beantworten: „Können wir uns Muslime als Europäer, den Islam als europäische Religion vorstellen? Gehören Muslime zu uns?“
Ebenso wichtig sei das Vertrauen in die muslimischen Mitbürger. In den 30er Jahren seien den europäischen Juden drei Vorwürfe unterstellt worden.: Sie haben eine doppelte Loyalität. Sie arbeiten an einer internationalen Verschwörung. Sie sprechen mit gespaltener Zunge. Exakt die gleichen Vorhaltungen werden laut Ramadan heute den Muslimen gemacht. Die Europäer sollten endlich verstehen, dass man nur gemeinsam gewinnen könne.
Gleichzeitig warf Ramadan den Europäern vor, „in einem geistigen Ghetto“ zu leben. Jeder solle sich fragen, mit wie vielen Menschen anderer Religion, Herkunft, Hautfarbe oder sozialer Stellung er in den vergangen zwei Wochen gesprochen hat. Viele Menschen würden sich anstatt von der Realität von medialen Zerrbildern leiten und beeinflussen lassen, die wiederum Rückwirkungen auf die Muslime in unseren Ländern haben. „Wir bekommen die Muslime, die wir verdienen.“
Alles, was bislang als Dialog der Religionen präsentiert wurde, sei in Wirklichkeit „ein interaktiver Monolog“ gewesen. Dem Zerrbild des bösen Islam werde in europäischen Medien Ayaan Hirsi Ali entgegengesetzt, eine Atheistin, die Mohammad als Pädophilen bezeichnet und daher als Gesicht des „guten Islam“ präsentiert wird. „Was Frau Ali verkörpert, ist Islam ohne Islam.“, so Ramadan. Man müsse akzeptieren, dass es nicht nur schwarz und weiß gebe und Muslime mitunter kontroverse Meinungen haben, über die man trotzdem diskutieren müsse. „Wir dürfen von den Muslimen nicht erwarten, dass sie das sagen, was wir hören wollen.“
Wichtig für die Entwicklung des Euro-Islam sei die Ausbildung islamischer Gelehrter, Ulama, in Europa. Noch fehlten hierfür die Ressourcen, doch werde die 3.Generation islamischer Einwanderer hierfür entscheidend sei. Die Aussagen vieler islamischer Rechtsgelehrter des Nahen und Mittleren Ostens kritisierte Ramadan als „zu einfach und eindimensional.“ Dies zeige sich etwa bei Gutachten zum islamischen Bank- und Finanzwesen.

Die in Europa lebenden Muslime forderte der momentan in Oxford lehrende Ramadan auf, die Gesetze hier zu befolgen. Wer in einem westlichen Staat lebe, schließe mit diesem einen Vertrag und muss daher dessen Regeln hinnehmen. Die europäischen Staaten garantieren die Religionsfreiheit, daher sei der Muslim ihnen zu „totaler Loyalität“ verpflichtet. Bezüglich des Kopftuchverbots an Frankreichs Schulen erklärte Ramadan erneut, er lehne dieses Gesetz ab. Das Kopftuch stehe in keinem Widerspruch zum französischen Laizismus, was sich schon daran zeige, dass man ein neues Gesetz zum Verbot des Hijab erlassen musste. Er forderte die französischen Musliminnen auf, das Kopftuch vor und nach dem Schulbesuch zu tragen und als französische Bürgerinnen weiter für ihre vollen Rechte zu kämpfen.
Weiterhin kontrovers bleibt Ramadans Haltung zu Steinigungen. Diese seien integraler Bestandteil der Prophetentradition, der Sunna. Daher könne man dies nicht einfach wegdiskutieren, wie dies ein französischer Mufti unlängst getan habe, der erklärte diese Passagen streichen zu wollen. Vielmehr sei es unerlässlich, wissenschaftlich an die Texte heranzugehen. Man solle sich fragen: „Was sagen die Texte? Wie sind die Bedingungen? Was ist der Kontext?“ Da sich in vielen islamischen Ländern die Steinigung fast ausschließlich gegen Frauen und Benachteiligte richtet, plädiert Tariq Ramadan für ein Moratorium, also eine zeitlich befristete Aufhebung der Steinigung.
Vor diesem Hintergrund protestierte Ramadan erneut gegen doppelte Standards westlicher Medien. Wenn in Nigeria eine Frau gesteingt werde, mache dies im Westen Schlagzeilen. Als vor drei Monaten eine Frau in Afghanistan gesteinigt worden sei, habe keine westliche Zeitung darüber berichtet, weil dies nicht ins Bild des „befreiten Afghanistans“ passe.

weitere Beiträge zu Tariq Ramadan:

wikipedia zu tariq ramadan

philolog anaximander zuppi

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