Entering Amstetten:Aus dem Kellergewölbe

Amstetten in Niederöstereich. Es ist Tag 4 seit dem Offenbarwerden der Inzesttragödie in der niederöstereichischen Kleinstadt,ein reges Medieninteresse begleitet die Findung der Wahrheit über die Umstände dieser unglaublichen Tat des mittlerweile 73 Jahre alten Familienvaters Josef F.,der über 24 Jahre seine Tochter in einem elektronisch gesicherten Kellergewölbe gefangen hielt,sie missbrachte,mit ihr 7 Kinder zeugte und ein Kind aus diesen inzestiösen Handlungen im hauseigenen Heizbrenner verbrannte.

Geradezu bizarr ist die Vorstellung,dass in den Obergeschossen des unheimlichen Gebäudes „normal family life“ abgelaufen sein soll,dort will aus der Famiie keiner das über Jahrzehnte andauernde Martyrium im Keller mitbekommen haben.Begründung soll der autoritäre Charakter des hochkriminellen Familienoberhauptes sein. Die Gemeinde Amstetten widerholt diese Inszenierung des nicht Wissens prototypisch,diese Abwehrmechanismen sind allerdings keine Ausnahme,Gemeindepolitiker stellen sich regelmässig sowohl hinter ihre Bevölkerung als auch die potenziell zuständigen Institutionen.Man wusste nichts von der Tragödie,man konnte nichts davon wissen.Ein Einzeltäter ohne Mitwisser oder Mittäter ist da noch das beste zu ermittelnde Ergebnis für das Kollektiv. Niederöstereich,Lichtermeer 2008

Die Aufarbeitung in der Gemeinde erfolgt durch kerzentragende Ansammlungen,kollektive Reden, die im Zeitalter des Internets von der Zivilgesellschaft organisiert werden und peripathetische Spatiergänge der Schuldabwehr. Volkesmund tut Wahrheit kund: In einem Passanteninterview auf den Trottoirs Amstettens, ausgestrahlt im heutigen ZDF-Mittagsmagazin, wird neben der Trauer natürlich der Vergleich zur Neuen Welt – sprich den USA – bemüht: In den USA würde der gemeine Waldbewohner solch eine Tat natürlich täglich erwarten,aber doch nicht im Land des Heurigen und Maibaumtanzes.So ist diese unglaubliche Tat doch noch zu etwas gut: Die notorische Abgrenzung zu Nordamerika,wo der Individualismus beheimatet ist,ist immer anzubringen. Einem 73 jährigen alten Knacker kann man natürlich nicht Slipknot,Marilyn Manson oder Videospiele als pathologisierende Ursache unterschieben,für die allgemeine kulturalistische Denunziation der liberalen Gesellschaft reicht es aber doch aus. In einem solchen gesellschaftlichen Klima dürfte eine Fallaufklärung nach allen Regeln der kriminalistischen Kunst als eher störend empfunden werden. Es ist ein Kreuz mit old-europe.

update 2: gusenbauers flammende rede für die alpenrepublik zum 1. Mai,bearbeitet von laura.

update 1: bei einer heutigen,freundlichen plauderei im kaffeehaus mit einem gutachter für forensische fragestellungen: „dieser josef fritzl muss auch eine schwere kindheit gehabt haben.“

2 Comments

  1. Ratgeber
    Posted Mai 1, 2008 at 5:24 pm | Permalink

    „der autoritäre Charakter des hochkriminellen Familienoberhauptes“
    Wie der Vater das Kellerregime konkret aufgezogen hat,wird ja die Gerichtsverhandlung zeigen.Es muss Fluchtpläne gegeben haben,wer lässt sich denn ohne Gegenwehr über 24 Jahre in einem Keller einsperren?

    Den hier insinnuierten Pakt zwischen dem „Kollektiv“ und dem Täter halte ich aber für theoretisch konstruiert.

  2. Posted Mai 1, 2008 at 8:05 pm | Permalink

    Zum Kellerregime: Bis dato liegen ja nur Täteraussagen vor,der den Opfern im Keller im Falle von Angriffen auf seine Person mit Vergasung gedroht haben soll.Die Atombunkerarchitektur ist ein optimal nach aussen abgeschirmter Raum,das dies nicht zu Misstrauen bei den Behörden geführt hat,ist doch sehr seltsam.
    Die Schuld- oder Verantwortungsabwehr sehe ich als zentrales Thema der aktuellen Debatte an,ausserdem wird auf verwaltungstechnische Vorgänge abgehoben – z.B. die Löschzeiten im Strafregister – die allenfalls seine Adoptionspläne vereitelt hätten.
    Gusenbauer bedauert auch eher den Imageschaden für die Alpenrepublik.
    Man darf auf die Anklageschrift gespannt sein.


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