Silvio Meier Gedenkdemo Berlin und die liberale Anti-Antifa

Was ich von den aktuellen Silvio Meier Demos so halte, habe ich den letzten Jahren hinlänglich beschrieben – für mich sind diese Demos dem Anlass schlicht nicht angemessen und ich gehe schon wegen der Palituchdichte und dem offen zur Schau gestellten antiimperialistischen Antisemitismus nicht mehr dort hin. Politischer Personenkult ist mir ebenfalls fremd. Linktipps: hier , hier und hier . Die geplante Demoroute verläuft 2007 über Samariter-, Rigaer und Pettenkofer Straße, über die Frankfurter Allee, die Möllendorff-, Eldenaer-, Proskauer, Mainzer Straße und Warschauer und endet an der Revaler-, Ecke Libauer Straße. Eine Kundgebung der Faschos soll im Weitlingkiez stattfinden, der als Hochburg der Neonazis in Berlin gilt. (Berliner Zeitung)

Dasz eine vermeintlich liberale Äquidistanz zu den extremistischen politischen Rändern zu drastischen Fehlschlüssen über die Ausbreitung und Aktivitäten des Nazi-Mobs anfang der 90iger führen, diese Debatte hat Telegehirn aktuell wieder an der Backe. Die Tatsache, dasz die Politik in der Wendezeit der Ausbreitung von Neonazis tatenlos zusah, die Sicherheitskräfte den politischen Gehalt rechtsextremer Gewalt über Jahre systematisch herunterspielten zu Jugendsünden hitzköpfiger Heranwachsender, diese Taktik der politischen wie juristischen Ignoranz gegenüber rechtsextremer Ausformungen „National befreiter Zonen“ bis Berlin Lichtenberg; sie wiederholt sich in dem Geschreibsel von Bloggern, die von keinerlei Ahnung – geschweige den Kenntnissen – von den tatsächlichen Verhältnissen in den Kiezen in der Wendezeit belastet sind – und auch nicht von diesen heute belastet werden wollen.

Die NPD und ihre nahestehenden Aktivisten-Tings haben diese Wendezeit des aktiven Wegschauens der Gesellschaftsmehrheit genutzt, um ihre Strukturen zu verjüngen, ihrer nationalsozialistischen Politik die „credibility“ auf der Strasse mit Baseballschlägern und Überfällen auf allles, was nicht in ihr Weltbild passte, zu untertreichen. Und die Bullen haben zugeschaut, der VS hat beobachtet und über IMs den Laden noch mitfinaziert, kaum einer hat etwas gegen diese Form des Strassen-SA unternommen.

In diesem Klima der Wendezeit (1990-93) hat sich eine Antifa aus purem Selbstschutz vor Nazischlägern entwickelt. Wer in Berlin-Ostbahnhof, Anklam oder Annaberg-Buchholz in dieser Zeit auf die Bahn angewiesen war, weiss genau, was ich meine. Auch Jugendclubs und Konzertorte wurden von den Faschisten angegriffen und bei Erfolg umbesetzt – für die Sozialarbeiter begann die Ära der akzeptierenden Jugendarbeit mit der Nazijugend.

Selbst die Pogrome von Lichtenhagen, Mölln und Hoyerswerda führten zu keinem Umschwung, es sollte noch bis Ende der 90iger Jahre dauern, bis das Naziproblem in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, allerdings nur noch als Problem für den Standort Deutschland (die Gewalt- und Angsträume in den Kiezen müssen bis heute auch vermehrt bis ins tiefe Wessieland aktiv bekämpft werden). So hatten die Nazis genug Zeit, ihre Strukturen aufzubauen und in die regionalen Parlamente zu drängen. Die nationalsozialistische Ideologie ist so nicht von der Strasse verschwunden, es gibt eher KuKluxKlan-artig strukturierte Regionen (no-go-areas), in die sich Ausländer, Linke und Homos bis heute nicht verirren sollten, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Aber es wurde Terrain zurück erorbert, die Hegemonie der Faschisten wurde dort gebrochen, wo Antifas und Anwohner zu einem Bündnis gefunden haben. Aber das ist wieder ein anderes Thema, lest bitte selbst bei telegehirn nach: Liberale Anti-Antifa.

references:
b.b.m.

Die Antifalobby
Bilder: Mahnwache für Silvio Meier 2007
Liberale Anti-Antifa und Zensur bei der Achse
Holmes vs. Realität
Es gibt keine Bedrohung…
unvergessen
Antifa heisst B.L.O.G.-Lesen
Podcast Radio Corax
Those were days oder Göttingen im Ausnahmezustand
Von “Antifa” und “Antifanten” und Es geschah in Mölln – vor 15 Jahren
Der Tag, an dem Silvio Meier starb
antifa pressespiegel
Foto Archiv von Thomas Gade via benjamin krueger

4 Comments

  1. Posted November 22, 2007 at 6:20 pm | Permalink

    Und ob ich das wieder an der Backe habe, aber ich kann ja meine Klappe einfach nicht halten, weil Schweigen und Wegschauen eben, im Vergleich zu anderen, die selbst gegenüber Faschisten ihre liberale Toleranz nicht aufgeben wollen bzw. vor der braunen Pest lieber die Augen verschließen, nicht meine Sache ist.

    Du hast natürlich Recht: Das Andenken an Silvio Meier wurde und wird von bestimmten Gruppen instrumentalisiert. Mich regt das natürlich auf, aber ich überlasse das Terrain eben nicht jenen Palituch tragenden Antisemiten, die sich für Antifaschisten halten.

    Wenn man, wie die „liberalen“ Blogger keine Ahnung von der Materie hat, was diese ja auch offenherzig zugeben, dann sollte man wirklich lieber die Fresse halten. Wo waren die denn Anfang der 90er? In der warmen Stube wahrscheinlich. Wenn sich da Leute von aussen einmischen, dann werde ich grantig. Da kommt von denen keinerlei Engagement gegen die braune Pest bzw. die verharmlosen das auch heute noch, obwohl es seit 1990 weit über 100 Ermordete gibt. Das schwillt mir der Kamm.

    Wir haben damals doch nicht aus Jux und Dollerei oder weil uns langweilig war gegen die Faschos etwas organisiert und wie die sich das vorstellen, daß man einfach loszieht und ein paar kurzhaarigen die Fresse poliert, ist so was von dämlich, naiv und einfältig. Wir wussten doch ganz genau mit wem wir es zu tun haben und wo die sich treffen.

    Wir haben das alles getan, weil eben die Scheisse am dampfen war und sich keiner dafür interessierte, daß es No-Go-Areas gab und die Faschos immer mutiger wurden und immer mehr Boden gutmachten. Ein paar von den Bloggies kommen ja aus Sachsen und man sieht, wie erfolgreich dort die staatliche Antifaarbeit ist und dann spielen diese Heinis das auch noch runter. Motto: alles halb so wild, aber die Antifa ist echt gefährlich.

    Ich bin so was von sauer.

    Grüße

    Sascha

  2. Posted November 22, 2007 at 7:00 pm | Permalink

    aloha sascha,

    über die motive des herrn boche kann ich mich auch nur wundern. er vermengt zu viel sachen,die nicht zusammen gehören und die ahnungslosigkeit über die damaligen verhältnisse in berlin kann ich auch nicht gelten lassen – die umtriebigkeit des ns-gesindels seit den 90igern sind hinreichend archiviert und auch vermeintlich liberalen blogkollegen jederzeit virtuell zugänglich. wenn sie nur wissen wollen, was da abging, das archiv ist zugänglich.aber gegen desinteresse gepaart mit faktenresistenz ist ja immer noch keine pille erfunden worden.

    zu deiner wut: antifa war damals in einem absoluten minderheitlichen status – niedergang der linken in der wendezeit – und der mainstream war so einheitsbesoffen, da gingen die ns-mordbrenner glatt als patrioten durch. wenn ich die einlassungen von boche lese, ärgert mich natürlich auch diese reinszinierung damaliger tatenlosigkeit, aber ich kann sie ihm nicht stellvertretend anlasten – im günstigsten fall gehörte er damals zur ignorierenden mehrheit,das wäre aber eine individualpsychologische debatte, der auch ich mich nur ungern öffentlich im netz stellen würde. ich schliesse das mal aus beobachtungen meines weiteren umfeldes anfang der 90iger. ich lebte damals in x-berg und spandau: die auseinandersetzungen mit den nasen am alex und in spandau waren sehr unterschiedlich. am alex wütete über mehrere jahre der mob ausm weitlingkiez / das obdachenlosengesindel von der jn – am alex hat sich der show-down erst nach 2-3 jahren gegen die nasen enschieden,in spandau waren das eher proll-nazis,die sich mit den kosovo-flüchtlingen am waldkrankenhaus-containerdorf (und später den russischen einwanderern) verhoben hatten – das war auch ne schöne zeit. auch die huckebein-kollegen aus falkensee haben uns da unterstützt.
    von den hausbesetzungen in berlin will ich jetzt garnicht anfangen,das war noch ein ganz anderer strumpf – vielleicht meldet sich ja noch der eine oder andere zu dem thema.
    insgesamt waren die 90iger was antifaarbeit angeht sehr anstrengend und überwiegend ein sichtbares problem für jüngere leute, die noch nicht so fest im arbeitsprozess integriert waren, die ihre freiräume suchten und die dabei immer wieder vom ns-mob gestört wurden. in der tiefen ostzone war das problem ja noch viel virulenter, da kam der idiotismus des flachen landes + zonenverwirrung noch dazu.

    so far
    calm down
    ahoi
    zuppi

  3. Posted November 23, 2007 at 2:52 pm | Permalink

    ich persönlich gehe ja morgen mit meinem antipalituch.

  4. Posted November 23, 2007 at 3:55 pm | Permalink

    das ist natürlich eine kecke idee ud ich wünsche eine interessante erfahrung damit, nicht so eine schlimme wie mir vor ein paar jahren, als israelsolidarische demonstratntinnen in der demo von rk’lern geschlagen wurden und die demo-ordnerinnen nur sagten,“es sei nichts passiert“.


2 Trackbacks/Pingbacks

  1. […] umgedichtet wurde. Daraus entspann sich eine kleinere Blogdiskussion in deren Verlauf sich auch das Philologische Klo, MartinM von den bissigen Liberalen, Daniel Fallenstein und eben Herr Holmes zu Wort meldeten. […]

  2. […] faschistischen Mordes wurde, entzündete, hat mittlerweile ein ungeahntes Ausmaß erreicht. Zu der Diffamierung von Silvio Meier, der durch einen liberalen Blogger vom Opfer zum Täter gemacht wurde und der folgenden […]

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