Aufgeklärte Menschen sollten Zettel lesen

Zettel Raum TÜBINGEZettel hat sich entschieden, die Kommentarfunktion auf seinem Blog zu deaktivieren, er möchte die Debatte über seine Beiträge lieber in der gewohnten Forumsstruktur weiter führen. Kürzlich wurde dort in „Web 0.0, Web 1.0, Web 2.0“ über die historische Entwicklung des Internets nachgedacht, die dort vorgetragenen Beiträge auch im Forum fassen prototypisch die technologischen Sprünge plastisch und nachvollziehbar zusammen ( bei mir fing das Ganze mit einem programmierbaren Taschenrechner von Texas Instruments, mit einem C-64 incl. Akustikkoppler und einem PET in der Schule an ) , das Lesen der Forumsbeiträge lohnt sich – bis auf die hoffentlich humoresquen Rüpeleien über Geisteswissenschaften vs. Sozialwissenschaften vs. Technikwissenschaften, Foren sind halt ein Rudiment des Web 1.0.. Ebenfalls zur geistigen Erbauung geeignet sind die Themen „Agnostizismus vs. Atheismus„: Die Verve ehemaliger Theisten hin zum Atheismus wird dort leider ausgelassen, ich halte sie für die Haupttriebfeder der meisten Atheisten, die sich mit der Macht der Kirchenschamanen nicht mehr im Waffenstillstand befinden möchten. Viele Agnostiker schaffen diese Waffenruhe mit dem alten philosophischen Trick „Ich weiss, dass ich nichts weiss“. Aber: Jeder sucht sich eben seine eigenen Baustellen, da muss auch Endlichkeit möglich sein. M. Schneider lockert die phasenweise schwere Debatte mit folgender Anekdote auf: Was ist der Unterschied zwischen einem Wissenschaftler, einem Philosophen und einem Theologen? „Ein Wissenschaftler versucht in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze zu fangen. Ein Philosoph versucht in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die gar nicht da ist. Ein Theologe versucht in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die gar nicht da ist und ruft dauernd: „Ich hab‘ sie, ich hab‘ sie!“ Zum aktuellen Terrorismus der Ärzte in England gibt es ebenfalls zwei interessante Überlegungen: Wie werden eigentlich Menschen zu Politverbrechern? Über die „Zelle“ und „Ärzte als Mörder„.

references:
Über Glauben und Unglauben
, der Philosoph Roger Scruton erklärt Religion als das menschliche Bedürfnis nach Heiligem… von anaximander

2 Comments

  1. Posted Juli 18, 2007 at 10:38 am | Permalink

    Lieber Zuppi,

    es gibt ganz wenige im Web, die ich so gern lese, denen ich fast immer so zustimme wie dir.

    Vor allem auch die „Raumzeit“ isr eine tolle Sache, die ich glänzend finde und für die ich wohl bald mal Reklame mache.🙂

    So, nach der Captatio Benevolientiae kommt logischerweise jetzt der Dissens.😉

    Ich habe, lieber Zuppi, wirklich die Erfahrung gemacht, daß man mit Naturwissenschaftlern vernünftiger diskutieren kann als mit Sozialwissenschaftlern.

    Ich hocke selbst ja a bisserl dazwischen. Im Beruf Naturwissenschafter, im Privaten an Literatur und Philosophie interessiert. Ich gucke mal dahin, mal dorthin.😉

    Alle Philosophen, die ich schätze, waren Naturwissenschaftler oder an Naturwissenschaft interessiert.

    Ich kann im Grunde bei Demokrit anfangen.

    Aristoteles. Lukrez.

    Descartes, der vermutlich der beste Physiologe seiner Zeit war. Berkeley, der eine „Theory of Vision“ geschrieben hat; und das war wörtlich gemeint. (So, wie Descartes Ochsenaugen zerlegt hat).

    Kant, der bis kurz vor seinem Tod über Naturwissenschaften geschrieben hat.

    Und die Schwätzer, wie Rousseau, Hegel, Marx, Adorno hatten es immet mit der Gesellschaft.

    Sie wollten am besten augenblicklich „das Ganze“ „begreifen“, statt sich auf den Hintern zu setzen und das Einzelne zu erforschen.

    Weißt du, in welchem Werk der tausendfach zitierte Satz von Adorno steht „Es gibt kein richtigs Leben im Falschen“?

    Ich weiß es.😉

    Weil Martin Walser, den du nicht magst und den ich ungemein mag, sich die Mühe gemacht hat, das rauszufinden.

    In einem Aufsatz über Wohnkultur.

    Sehr herzliche Grüße

    von Zettel

    Warum ist das so?

    Ich weiß es nicht, aber es ist so.

    Sehr herzlich, Zettel

    PS: Der „Kleine Raum“ ist Web 2.0. Denn da schreiben keine Schwafler und Pöbler, sondern Leute, die etwas zu sagen haben, die sich Mühe geben.

    WinkwinkmitZaunpfahl😉

  2. Posted Juli 18, 2007 at 10:14 pm | Permalink

    Lieber Zettel,
    ich picke mir erst einmal die Rosinen aus Deinem ausführlichen Kommentar heraus:

    1. Zum Debattieren mit den Vertretern der unterschiedlichen Disziplinen:

    Ich habe die strikte Studientrennung der Disziplinen an den deutschen Unis ehrlich gesagt nie verstanden, als Magisterstudent war es mir seiner Zeit vergönnt, sowohl die Naturwissenschaften als auch die Sozial- und Geisteswissenschaften von Grund auf zu studieren. Abgeschlossen habe ich in einer Geisteswissenschaft. Ich hatte an einer Uni das grosse Glück, Prof. Janich kennen gelernt zu haben: Er war ein Konstruktivist, im Erstberuf Physiker, dann ist er zur Philosophie übergegangen („Protophysik der Zeit“) und er hat einen vorbildlichen, interdisziplinären Ansatz in der Zusammensetzung seiner Schülerinnen umgesetzt. Am interessantesten waren mit ihm übrigens die Treffen ausserhalb der Seminarräume.

    2. Was mich an der Diskreditierung der Geiste- + Sozialswissenschaftler stört?

    Die blande Verallgemeinerung, ich kenne viele Idioten aus allen Disziplinen, nur der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus gibt die Möglichkeit zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen, jenseits des Fachidiotentums lacht der Weg zur grösseren Verständigung. Viele Wissenschaftler begnügen sich aber mit einem selbstbegrenzten Nischendasein. Wie Du siehst, ich plädiere für ein „studium generale“ – die oft angebotenen Ringvorlesungen sind nur ein billiger Abklatsch der Grundidee. Ein nach Interessen und Neigungen zusammengstelltes Studium barg zumindest für mich den höchsten Nährwert auch über das rein berufliche Fortkommen hinaus.
    Wer allerdings die derzeitge Unipraxis kennt, weiss: Das ist ein törichter Wunsch, oder wäre das in der heutigen Zeit einfach nur noch als ein Luxus beschreibbar ? Ich weiss es nicht genau.

    3. Zu Martin Walser: Ich neige bei diesem Literaten öfters zur Unflätigkeit – bei meinen kürzlichen Gedanken zum „Boneheadtreffen der Gruppe 47“ kam er aber ganz gut weg, weil er auch vernünftige Sachen erzählte. Aber seine Auschwitzkeulen-Debatte hat diesen Mann für mich in politischer und ethischer Hinsicht absolut diskreditiert. Von Literatur versteht er auf jeden Fall eine Menge.

    Du siehst,wir sind garnicht soweit auseinander. Und die Linke,in der ich mich zu lange bewegt habe, konnte mir die Sinne für wesentliche Zusammenhänge nicht vernebeln.
    Was nun ausbleibt? Eben der grosse, theoretische Wurf, der die Entwicklungen einer Gesellschaft alleine erklären kann. Ich sehe es den Denkern und Pionieren der Sozialwissenschaften von vor 50- oder 100 Jahren gerne nach, dass sie ihn versucht haben. So ganz vergeblich war es eben auch nicht, neue Denkschulen sind aus ihrer Tradition heraus entwickelt worden.

    Enen guten und erfolgreichen Wochenverlauf wünscht😉
    Zuppi

    PS: Ich habe die Naturwissenschaften in meiner Schulzeit (bis auf Biologie) nie richtig verstanden. Erst das Praktikum der Physikalischen Chemie und das gewissenhafte Studium des Lehrbuches von P.W. ATKINS haben mir die Augen öffnen können.


Einen Kommentar schreiben

Required fields are marked *
*
*

%d Bloggern gefällt das: