Enzo Traverso: Reden über Totalitarismus

Während die EmaLi-Fraktion (mehr hier) in der Linkspartei den Sozialismus wieder ins Gespräch bringen möchte, drängt die Lesart in der aktuellen Fantomas (ein Nachfolgeblatt des KB) noch grundsätzlichere Veränderungswünsche auf. In der aktuellen Ausgabe wird die Frage nach „Kommunismen“ gestellt.

Die bewegungsorientierten Artikel geben nicht viel mehr als Nabelschau her, aber der linke Historiker/ Politikwissenschaftler Enzo Traverso hat einige Überlegungen zum „Totalitarismus“ niedergeschrieben, die bedenkeswert und zu kritieren sind. In seinem 4-seitigen Text ( leider nicht online) entwickelt Traverso eine begriffliche, historische und ideoliegeschichtliche Konzeption des Totatalitarismusbegriffs und weist einige Erkenntisse der liberalen Politkwissenschaft als unbegründet zurück.
Dabei hebt er auch dezidiert auf die Debatte in Deutschland ab, die mit der Gleichsetzungsformel „Faschismus im NS = Kommunismus in der ex-UdSSR“ zum Einen glaubt, die Moderne reingewaschen zu haben (NS=Antimodern) und zum Anderen denkt, die Einzigartigkeit von Auschwitz erfolgreich relativiert (und positiv in ein nationalen Auftrag verwandelt) zu haben.

Traverso denkt die technischen Neuerungen (Subjektbefreiung,technischer und wissenschaftlicher Fortschritt) der Moderne als eine Voraussetzung für den industriellen Massenmord des NS an den Juden und allem „undeutschen“ im Sinne einer rassischen ratio. Traversos Conclusio bleibt in der soazialpsychologischen Verbreeiung stecken.

Zum Text

Genealogie eines Konzepts

Eine kleine Geschichte des Totalitarismusbegriffs

Der Begriff „totalitär“ wird in den 1920er Jahren von italienischen Antifaschisten zur Beschreibung des Mussolini-Faschismus verwendet, in den 1930igern gefällt Mussolini (und Gentile) das Substantiv so gut,sie übernehmen den Begriff ganz positiv für ihre Propaganda, im NS wird lieber „das Völkische“ hervorgehoben. Sei den 1930igern verwenden Exilanten den Begriff zur Anprangerung der Herrschaftssysteme in Faschismus und dem russischen Kommunismus. Als Theoretiker sind Daniel Guérin,Victor Serge und Léon Trotzki zu nennen. Seit 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) wurde der Begriff auch vermehrt im englischen Sprachraum verwendet. Im Kalten Krieg seit 1947 wird der Begriff zum strategischen Instrument westlicher Ordnungspolitik zur Verteidigung der freien Welt. In der marxistischen Literatur arbeiten nur noch Häretiker wie Herbet Marcuse, Claude Lefort und Cornelius Castoriadis mit dem Begriff. In der APO/SDS war der Begriff als Feindsprech verpönt.

Die Grenzen der Analogie Faschismus=Kommunismus

Für Traverso gibt es einige unbestreitbare analoge Charakteristika:

1. Unterdrückung der repräsentativen Demokratie,Gewaltenteilung und individueller Freiheitsrechte zur Bildung einer solitären Staatsideologie. 2. Einheitspartei mit charismatischerm Führer 3. staatliches Gewaltmonopol,das die endemische Verbreitung von Gewalt als Mittel des Regierens erlaubt und im Konzentrationslager/Gulag endet, und 4. eine ausgeprägte , autoritäre und zentralistische staatliche Interventionspolitik.

Seine Einwände:

1. Es handet sich um idealtypische Abstraktionen,die sozialgeschichtlich widerlegt sind. Unterschiede werden verwischt: Das NS dauerte 12 Jahre. Das sowjetische Regime über 70 Jahre, seit 1953 gab es eine post-totalitäre Phase nach Stalins Tod.

2. Die Unterschiede in den Ideologien. Im NS hat man es mit einer rassistischen Vision von der Welt, basierend auf einer hybriden Synthese von Gegenaufklärung, Verehrung der modernen Technik, von germanischer Mythologie und biologisierten Nationalismus zu tun. Im Kommunismus eine scholastische,dogmatische und klerikale Version des Marxismus, der zum Erben der Aufklärung und zu einer universalistischen,humanistischen und emanzipatorischen Philosophie stilisiert wurde.

3. Entstehung und soziale Realität: NS via Wahlen,nach Gleichschaltung aktive oder passive Einwilligung der traditionellen Eliten. Kommunsimus i.d. UdSSR entseht aus einer Revolution,die alte herrschende Klassen wird enteignet und so wird die sozioökonomische Basis durch Planwirtschaft und die Bildung einer neuen Führungsklasse radikal verändert.

4. Die Funktionsweise der Gewalt verortet Traverso in der UdSSR vornehmlich nach Innen. Abweichler in Partei,Staat und Militär, Kulaken und asoziale Elemente, nationale Minderheiten. Im NS vornehmlich als Krieg nach Aussen gerichtet, Kodex der Volksgemeinschaft.

Traversos Schlussfolgerungen

In der Zusammenfassung befasst Traverso sich mit dem Verhältnis zwischen dem Totalitarismus und der westlichen Zivilisation. Auschwitz wird als Labor der Gewalttätigkeit der Moderne gedacht. Industrialiserter Massenmord verschmilzt Antisemitismus und Rassismus mit Gefängnis, der Industrie und der rationalistischen Verwaltungsbürokratie = Genozid an den Juden eher als Paradigma der Moderne.

Politikverständnis von Traverso, an dem der Totalitarismus/das gesamte 20 Jahrhundert Schiffbruch erlitten habe : Als Raum verstanden, der offen ist für den Konflikt, den Pluralismus der Ideen und die Handlungen der Bürger, für die Abweichung, die Teilung des Körpers der Gesellschaft. Hannah Arendts Begriff „infra“ als das gemeinsame Leben ermöglicht. … „Der Begriff T. schreibt diese Erfahrung in unser historisches Bewusstsein, unser Kollektives Gedächtnis ein. Aus diesem Grund können wir nicht auf ihn verzichten.“

references:

Traverso bei perlentaucher, Leseprobe bei unrast , HIS: Auschwitz denken.

Zettel fragt sich: Ist der Kommunismus am Ende? und er kommt zu verblüffenden Schlußfolgerungen.

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