Tagebuch unserer Gedenkreise nach Auschwitz/Oswiecim

In den nächsten Tagen (vom 28.11. bis zum 2.12.) möchten wir an dieser Stelle von unseren Erlebnissen in Auschwitz/Oswiecim berichten. Auschwitz-Tagebuch via Aktion-Zivilcourage

Baracke Auschwitz Gedenkfahrt 2006A

ego references:

Der Begriff KZ fiel in meiner Familie äusserst selten, zu gesellschaftlichen Anlässen,wenn alle 4 Generationen beisammen sassen und der Alkohol die Zunge löste, wurde über das 3. Reich gefachsimpelt. Der SS-Soldat sass neben dem bekennenden Christen, neben der zum Arbeitsdienst bei der Reichsbahn Verpflichteten. Weit und breit nichts Widerständiges gegen das NS-Regime. Es werden Dönchen berichtet, einer kannte sogar jemanden,der einen Kommunisten in seiner Laube versteckt hat. Täter,Mitläufer und Verdränger hätten mein Geschichtsbild geprägt.

In der Schule hatte ich nach dem 4. Schulwechsel das Glück,einen engagierten, progressiven Lehrer als Klassenlehrer zu bekommen – er stellte uns die Fragen, die in meiner Familie nicht gestellt werden durften. Wir bekamen Projektaufgaben und gingen zu Zeitzeugen und machten Interviews, ich war mit einer Mitschülerin bei einem alten Kommunisten, wir sassen bis in den späten Abend in seiner Küche und hörten ihm zu, die vorbereiteten Fragen gingen uns schon nach einer halben Stunde aus. Der Mann erzählte uns die gesamte dt. Geschichte von den 20iger Jahren bis in die 70iger aus seiner Sicht. Was bei mir hängen blieb,war die Feststellung: Die Entnazifizierung war auch Ende der 70iger noch nicht abgeschlossen und die Aufarbeitung des NS weist Leerstellen auf, die zu füllen sind. Ich habe das ja selbst in meinem Familienunfeld erlebt.

Mit der Schule war ich in Dachau, ein Zeitzeuge hat uns über das Gelände geführt. Die Technik der Unterdrückung – Vernichtung konnte ich damals nicht denken aber sehr wohl fühlen – wurde sehr transparent entfaltet, wir waren alle sehr betroffen von dem unsäglichen Leid, das den Insassen von den Nazis zugefügt wurde. Die berichteten Grausamkeiten führten später zu unterschiedlichen Reaktionen bei meinen Mitschülern: Leugnung,Verurteilung bis hin zu einem vitalen Aufklärungsinteresse wurden Vorschläge ausgesprochen.

Emotional war der KZ-Besuch aber kaum zu bewältigen, auch wenn sich der Lehrer und einige Eltern Mühe gaben, die gröbsten Schockreaktionen mit uns zu bearbeiten. Ich bin erst viel später während meines Studiums mit der Gewerkschaft nach Neuengamme gefahren, da hatte ich die Erwartungen an die Hilfe über den Familienverband schon längst ad acta geleg. Das hätte ich viel früher tun sollen, aber mit 15 war das nicht so einfach.

Schnitt

Gedenkmarsch zur Reichspogromnacht am 9. November 1999

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin rief zu einem Gedenkmarsch vom Wittenbergplatz zum Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstrasse auf. Mehrere Tausend Mitbürger folgten dem Aufruf und wir zogen über die Tauentziehnstrasse, den Breitscheidtplatz bis Kurfürstendamm Ecke Fasanenstrasse. Ich war mit 2 Frauen und deren 16 jährigen Töchtern unterwegs, wir versicherten uns in unserem Antifaschismus und gingen mit einem zufriedenen aber traurigen Gefühl über den Anlass mit den vielen Gedenkenden durch Charlottenburg. An der Fasanenstrasse – die Jüdische Gemeinde hatte eine Tribüne errichtet – verlasen meist junge Leute die Namen der deportierten Juden aus Berlin nach Auschwitz vor, die Liste nahm kein Ende. Das eine Mädchen bekam darüber einen heftigen Weinkrampf und wir konnten sie kaum darüber trösten, was sie eigentlich auch nicht wollte. Erst als der Rabbi den Kaddish betete,kam sie zur äusseren Ruhe. Ich habe weder die beiden Frauen noch die Mädchen je wieder gesehen,was ich sehr bedauere.

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