Wolf Biermann ist 70

Erstveröffentlichung bei patchwork von augenzuppler.tk

(am 15.11.2006)

DonQuichote, Renegat, Einmischer, Luxemburgist, Poet, Brunnenvergifter, Drachentöter,

Gitarrenbarde, sind sie die ersten Bilder, die mir zu Wolf einfallen ?

Die Wandlung vom Marxist zum Heimatsucher war eine lange Strecke.

Er träumte noch in den 70iger Jahren von einer linken Vereinigung Deutschlands, er wusste, das wird nicht funktionieren – „aus zwei Schweinehälften wird kein Vaterland“, die Ostlinke war bürokratisiert und einbetoniert, die Westlinke war zu zersplittert und marginalisiert, um eine KP nach italienischem Bilde zu entwickeln. Nach der Ausbürgerung – eine Praxis-Anleihe der SED-Diktatur bei den Nazis – war Wolf zunächst schockiert, als er aber sah, welche grosse Bewegung der Solidarität dieser infame Staatsakt in der DDR bewirkte, fiel ihm der Verbleib in der Westzone schon leichter, er musste noch 13 Jahre im Bivak der enttäuschten Emigration überwintern.

Nie werde ich die während des legendären Köln-Konzertes von Wolf erzählte Anekdote über die Jagdgesellschaft in Wandlitz vergessen, die einen Hasen erlegte und ihn dann mit den Worten „ gib zu, dass du ein Wildschwein bist ! “ malträtierte.

Gute Freunde verstarben hinter dem eisernen Vorhang, viel mehr sind aber nachgekommen in diesen spannenden Zeiten zwischen 1976 und 1989, aber noch mehr sind in der DDR geblieben, haben sich eingemischt und eine „Volksfront“ gegen die SED mitgestaltet, die so gar nicht kommunistisch bewegt war, die Kirchengemeinden spielten in weiten Zügen die Rolle der Befreiungsbewegung..

Die Freundschaft zu dem viel zu früh verstorbenen Dissidenten, Literaten und Psychologen Jürgen Fuchs, der die SED-Methodologie der Zersetzung am eigenen Leib erfahren musste und diese literarisch zu verarbeiten versuchte, ist ein weiterer Markstein in Wolfs leben. Jürgen Fuchs ist es zu verdanken, das es die Beratungsstelle „GEGENWIND“ für Traumatisierte des SED-Regimes und deren Angehörige in Berlin-Mitte gibt.

Aber nicht nur die Freunde waren nach der Wende für Wolf ein offenes Buch, auch die Feinde waren nun greifbar. Die Angestellten des Realen Sozialismus waren eine Gruppe, die es zur Verantwortungsübernahme nicht gerade drängte, sie mussten gedrängt werden. Eine viel interessantere Gruppe waren aber die Spitzel der Firma, die unter den Oppositionellen als Wölfe im Schafspelz ihre unrühmliche Rolle spielten und die ebenfalls in den seltensten Fällen Verantwortung für ihre schäbigen Handlungen übernehmen wollten. Das grosse Problem war die Verschanzung hinter den Mauern des Schweigens, die Leugnung und die Dialogunwilligkeit der ex-Schergen des SED-Systems.

Wolfs Verabschiedung von der kommunistischen Utopie war für mich eine Überraschung. Als Hoffnungstheologie .hatte sie aber offensichtlich ihre Zeit gehabt und ihre Ziele – die Errichtung der Gesellschaft der Gleichen und Freien – nicht erreicht. Ganz im Gegenteil, es wurde eine Hölle der Gleichschaltung errichtet, die nicht nur sensible Menschen in den Wahnsinn oder Tod treiben konnte, die Massen wurden stumpf und hart. Dagegen hat Wolf immer angesungen, auch in der Zeit im Westen hat er sich nicht von den Konservativen einkaufen lassen, die ihn nur als Kronzeugen einer Idee verkauft hätten, die er nie teilen würde. Im 21. Jahrhundert sieht die Lage leider ganz anders aus, die Linke kokettiert mit islamistischen Terrorgruppen, die Mitte verfällt einfach im Appeasement und versichert sich in ihrer Friedensliebe, die konservativ-liberalen Kräfte sind in dieser Beziehung weiter entwickelt.

Nach der Wende änderte sich alles, auch Wolf stellte sich den Neuerungen. Während die Dissidenten ihre Wunden leckten, gab er ihnen seine Kraft. Er legte aber auch seine Finger in die offenen Wunden der einheitsbesoffenen deutschen Gesellschaft,, die einen hohen Preis zu zahlen bereit war: die braune Pest war ein Preis, die Geschichtsvergessung der Nachkriegszeit und der NS-Herrschaft ein weiterer wichtiger Punkt. In letzter Zeit ist Wolf durch seine Positionen zu Israel und dem Nahostkonflikt in die Öffentlichkeit getreten, die Wolf in eine brenzlige aber äusserst beliebte Rolle drängt: als halb-Jude wird ihm die Parteinahme für Israel von den meisten Leuten nachgesehen, die Objektivierbarkeit dieser Position wird aber selten zugelassen. All zu oft wird die Parteinahme für Israel heutzutage mit der Gegenfrage „sind sie Jude?“ quittiert. Und schon steht man wieder mit einem Bein im Getto, bewacht von friedensbesoffenen Deutschen, die all zu oft in Israel den Nachfolger der Nazis in Gaza verorten müssen. Ich will nicht weiter ins Psychologische gehen, das überlasse ich den Fachleuten..

Um die Lobhudelei nicht allzu gross ausfallen zu lassen, hier mein grösstes Uverständnis über Wolfs Handlungen:

Warum hast du für Horst Mahler und seine RAF-Bande in der zugegeben bleiernen Zeit 10 000 Mark gesammelt?

Und warum lässt Du dich auf so einen verquasten Buchtitel „Heimat“ bei deinem aktuellen Buch ein?

weiterführende Quellen:

Biermann Zitatesammlung NDR Geburtstags Matinee Nur wer sich ändert,bleibt sich treu. Biermann Songtexte

Für die Ausbürgerung argumentierte Peter Hacks via junge welt

Blogospäre:

MM Senf: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

 

 

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